Fräulein Julie rasiert sich vergeblich

25. Mai 2005, 11:32
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Auf freundliche Aufnahme stieß die Aufführung der Strindberg-Oper "Julie" von Philippe Boesmans am Montag im Ronacher

Festwochenintendant Luc Bondy zeichnet nicht nur für die Inszenierung verantwortlich, sondern ist auch Mitautor der Librettos.


Wien - Im zeitgenössischen Musiktheater lässt sich das Meiste viel besser beschreiben, als es sich dann darstellen lässt. Und so folgt man dem im Programmheft veröffentlichten ausführlichen thematischen und musikalischen Organogramm zu dieser Musikdramatisierung von August Strindbergs Fräulein Julie von Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger sowie Philippe Boesmans als Komponisten mit großem Interesse und steigendem Respekt. Werden doch auf den ersten Blick unauffällige Handlungs- und Milieudetails zu einem ebenso klar wie weit verästelten Geflecht verwoben und zu den zum Teil taktgenau angebenen Einzelheiten der musikalischen Faktur in nachvollziehbare Beziehung gesetzt.

Im Verlauf der fünf Viertelstunden dauernden Aufführung erinnert diese Werkanalyse stark an den viel versprechenden Beipacktext eines Medikaments von bestenfalls mittelmäßiger Wirksamkeit.

Diese augenfällige und auch unüberhörbare Differenz zwischen strukturellem Mikrokosmos und optisch-akustischem Erscheinungsbild zählt beinah schon zu den Wesensmerkmalen nicht nur des zeitgenössischen Musiktheaters, sondern eines weiten Bereiches der Moderne insgesamt.

So findet auch dieser kompakte Einakter aus mehrerlei Gründen nicht zu jener für eine Oper nun einmal unabdingbaren Wirkungsdichte, die den betrachtenden Hörer einfängt und auch am Schluss noch nicht ganz loslässt. Und dies, obwohl Richard Peduzzis hallenartig weites Küchenambiente dazu die optimalen Voraussetzungen anbietet.

Magisches Ambiente

Die zwei schmalen Fenster im Hintergrund des hochgezogenen Raumes, von dessen Plafond an langen Schnüren zwei Lampen hängen, ergeben zusammen mit der detailreichen Meublage ein an Magritte erinnerndes Ambiente, dessen grelle Realität nach magischer Surrealisierung drängt.

Und die volkstonartigen Vokalisen der mit dem Kammerdiener Jean verlobten und mit beinah liturgischer Feierlichkeit agierenden Magd Kirstin lassen zu Beginn auch eine solche szenische Verwandlung zu faszinierender Unwirklichkeit noch durchaus erhoffen.

Dies wird durch eine Kausalkette negativer Synergien jedoch weit gehend verhindert. Sie beginnt bei der für das Musiktheater nun einmal kennzeichnenden undeutlichen Diktion des, wenn auch deutsch gesungenen, so doch nur fragmentarisch verständlichen Textes. Dies führt dazu, dass die von Luc Bondy mit gewohnter choreografischer Eleganz entworfene Folge der Aktionen ihre dramatische Stringenz verliert. So bleibt der Zuschauer auf seine Kenntnis des Inhalts angewiesen, die ihn die diversen Stationen dieses tödlich endenden, alle sozialen und moralischen Tabus übertanzenden Pas de deux zwischen Jean, dem Kammerdiener, und Julie, der Tochter seines gräflichen Herrn, mehr ahnen als tatsächlich erleben lassen.

Additive Musik

Dies vor allem auch deshalb, weil die nervös knappen musikalischen Notate, in die Philippe Boesmans das Geschehen einhüllt, dieses bestenfalls illustrierend duplizieren, aber nicht zur neuen, spezifischen Wirkung des Musiktheaters erheben. Dieses in der Orchestrierung sehr sensibel aufgefächerte, eher auf subtile Stille bauende Idiom, das Boesmans in diesem Werk zum Einsatz bringt, ließe sich am besten als maßvoll anstrengende, globalisierte Moderne bezeichnen.

Das Kammerorchester De Munt/La Monnaie der koproduzierenden Brüsseler Oper, an der das Werk erst vor Kurzem zur Uraufführung kam, erwies sich unter Leitung des dortigen Musikdirektors Kazushi Ono als kompetentes Klangfundament für die qualitativ ausgewogen agierenden drei Solisten.

Unter ihnen wirkte Kerstin Avemo in der Partie der Magd Kristin als wirksamer lyrischer Kontrapunkt zu den beiden Hauptakteuren. Garry Magee wechselte als Kammerdiener Jean zwischen dumpfer Triebsteuerung und denkender Schärfe. Malena Ernman war in ihrer Doppelfunktion als Herrin über den Diener und Sklavin ihrer selbst ebenfalls glaubwürdig. Bevor sie sich zum Abschluss die Kehle durchschneidet, rasiert sie feierlich ihr Gesicht.

Der, wenn auch vornehme, ästhetische Bart, den diese Julie insgesamt trägt, blieb dadurch leider unversehrt. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.05.2005)

Von Peter Vujica
  • Artikelbild
    foto: festwochen/walz
  • Es brodeln die Triebe: Garry Magee, Kerstin Avemo und Malena Ernman (re.) in Philippe Boesmans' Strindberg-Oper "Julie".
    foto: festwochen/walz

    Es brodeln die Triebe: Garry Magee, Kerstin Avemo und Malena Ernman (re.) in Philippe Boesmans' Strindberg-Oper "Julie".

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