Wenn soziales Elend das Messer führt

23. Mai 2005, 20:37
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"Manhattan Medea" - Ein Amerika-bezogenes Asyldrama im Plafond des Volkstheaters

So breitet Medea ihre rachsüchtigen Schwingen über Manhattan aus. Nach Bearbeitungen von Lars von Trier, Christa Wolf u. a. scheinen die modernen Perspektiven der Femme fatale, die sich durchs persönliche Umfeld der griechischen Mythologie mordet, ausgereizt. Sollte man meinen! Nun hat aber Dea Loher mit ihrer Manhattan Medea (beim steirischen herbst 1999 uraufgeführt) ein Amerika-bezogenes Asyldrama geschaffen, das die sozialen Umstände vorm Morden hervorkehrt.

Dana Csapos viel versprechende Inszenierung teilt die Bühne des Volkstheater-Plafonds in zwei Bereiche: Nach sieben heimatlosen Jahren in der Fremde bevölkert Medea, empathisch schlicht gespielt von Susanna Schaefer, den einen Teil. Der andere gehört einer verschworenen Männerrunde, zu der ihr Jason (Holger Schober) opportunistisch übergewechselt ist.

Dem Publikum offenbart sich eine selbstgefällige männliche Pokergesellschaft, die sich gleichgültig das Immigrantinnenelend zum eigenen Entertainment erkoren hat und das Ganze mit verheißungsvollen US-Popsongs anheizt. Und so führt eins zum bekannten anderen: Allerdings muss diese verzweifelte Medea beim finalen Kinds- und Rivalinnenmord ungläubig im eigenen Skript nachlesen. Diese Inszenierung zeigt, dass hinter jeder noch so zerpflügten Geschichte ein präzise entwickelter, zerreißend aktueller Moment stecken kann. (pet/DER STANDARD, Printausgabe, 24.05.2005)

Volkstheater, Plafond
7., Neustiftgasse 1
01/524 72 63
19.30 Uhr
  • Gemordet wird aus guten Gründen. Für Medea (S. Schaefer) steht er schattengleich im Hintergrund.
    foto: volkstheater/nurith wagner-strauß

    Gemordet wird aus guten Gründen. Für Medea (S. Schaefer) steht er schattengleich im Hintergrund.

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