Um die Wette überleben

23. Mai 2005, 19:54
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Alvis Hermanis' irrer Pensionistenzirkus "Gará Dzíve" ("Das lange Leben")

Wien - Aufstehen, eintropfen, durchhusten, abkratzen - hoppla: kratzen!, am Kopf, dann am Hintern, die Augen reiben, sie nützen aber nicht mehr viel, mit krummen Fingern die Decke langsam glatt streichen, Zähne in den Mund und Lippenstift drüber. Der Tag beginnt in Das lange Leben (Gará Dzíve) - in einem schäbigen Gemeindebau für Pensionisten in Riga -, und mit ihm gehen in Form von Lichterketten über der Wohnungstür die Sterne rund ums Porträt von Ernest Hemingway auf, für einen aus großer Entfernung verehrten bärtigen Mann von Welt.

In einer vom Unrat des Lebens überdosierten Wohnlandschaft von Monika Pormale (geschätzte Requisitenzahl: jenseits der 1000) erheben fünf Schauspieler des lettischen Jaunais Rígas teátris Anspruch auf eine circensische Güteklasse im Leben alter Menschen. Gewissermaßen: Wenn sich die Gesellschaft im Umgang mit greisen Existenzen trotz allen politischen Dagegenhaltens ihren Zynismus erlaubt, dann spielen wir ihn auch!

Und wie: Die Dreißigjährigen (Baiba Broka, Vilis Daudzins, Girts Krumins, Guna Zarina und Kaspars Znotins) haben in monatelanger Arbeit mit ihrem Regisseur und Theaterleiter Alvis Hermanis an der Überführung des Rentner-WG-Alltags in eine gänzlich textlose und performativ famose Theaterinstallation gearbeitet. Mit präzisen Figuren der Langsamkeit und Gebrechlichkeit imaginieren die jungen Körper das Alter. Seit mehr als einem Jahr (Uraufführung im Dezember 2003 in Riga) folgt die Inszenierung - unter anderem mit Gastspielen in Deutschland - ihrem guten Ruf.


Spritze in den Po

Der 40-jährige Intendant und Regisseur Hermanis ist auch für Österreich keine Neuentdeckung mehr. Vor zwei Jahren erhielt er für seinen ebenfalls ausstattungsstarken Revisor den Regiepreis des Young Director's Project der Salzburger Festspiele.

Von Eifersucht, Neu- und Habgier, Sehnsucht und Überdruss erzählen die simultanen Szenen in den im Großcontainer aneinander gereihten Wohnungen, ohne Wände, mit Cinemascope-Front. Wenn auch die Komik des Siechtums bis zur Clownerie stark strapaziert wird (Spritze in den Po), so machen parallel dazu gerade die Strecken der figuralen Überhöhung die Qualität des Abends aus:

Ein vergleichsweise rüstiger Pensionist, in seiner Liga schlichtweg als Heimwerker-King zu bezeichnen, hat trotz morscher Knochen und rheumatischer Lähmung den immer wiederkehrenden starken Drang, ausgerechnet seine Decke zu weißeln oder ein selbst gemaltes Bild mittels halsbrecherischer Möbeltürme ganz weit oben aufzuhängen und sich dort oben dann noch fotografisch zu porträtieren!

Die vielleicht schönste Geschichte erzählt der Heimorgelspieler, der - das Kind im Greis - zweierlei (kunstvoll schlechte) Mikrofone zum lächerlichen Sprachrohr seines vereinsamten, von gehorteten Zwiebelpflänzchen belebten Lebens macht.

Ein außergewöhnliches Stück Theater, das ohne zu klagen, die Zumutungen des Alters beklagt und dafür unsere Blicke einfordert. Ein Lied aus besseren Zeiten? Wer wird das nicht singen können? (DER STANDARD, Printausgabe, 24.05.2005)

Von Margarete Affenzeller
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