Das Murmeln der Erinnerung

23. Mai 2005, 19:59
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"Dybbuk" aus Warschau von Anski/Krall/Warlikowski lädt zur Reflexion über den Umgang mit Vergangenheit

Wien - Dybbuk, so nennt die chassidische Legende die unerlöste Seele eines Verstorbenen. Zur Ruhelosigkeit verdammt, fährt sie in einen fremden Körper, um dort Läuterung zu finden. Das märchenhafte Motiv, das allegorisch das Weiterleben - unverarbeiteter - Erinnerung in der Gegenwart beschreibt, wurde in verschiedenen Versionen literarisch aufgegriffen.

Eine der bekanntesten Bearbeitungen, das in Jiddisch geschriebene Drama Der Dybbuk des jüdisch-russischen Autors Salomon Seinwil Rappoport alias Szymon Anski, kam 1920 zur Uraufführung. Es beschreibt das Einfahren des männlichen Dybbuk des toten Chanan (Andrzej Chyra) in Lea (Magdalena Cielecka), die ihm einst versprochene und von ihrem Vater einem wohlhabenderen Bräutigam übergebene Braut, als eine Art mystischer Hochzeit, metaphysischer Vereinigung der getrennten Liebenden.

Der 1962 geborene polnische Regisseur Krysztof Warlikowski griff das gewöhnlich nur noch von jiddischen Schauspielgruppen auf den Spielplan gesetzte Stück auf, kürzte und modernisierte den Text - und ergänzte ihn für seine Warschauer Inszenierung durch einen dramaturgischen Rahmen: Erzählen die Schauspieler eingangs jüdische Anekdoten und Legenden, die in die Vergangenheit jüdischer Tradition entführen, so weist der dritte - und weitaus spannendste - Teil des zweieinhalbstündigen Abends in die Gegenwart.

Genauer in die USA, wo in dem auf einer Reportage der polnischen Autorin Hanna Krall beruhenden Spiel Adam, Sohn eines polnisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden und einer französischen Mutter, vom Dybbuk seines sechsjährig im Warschauer Getto umgekommenen Halbbruders bewohnt wird, dessen kindliche Tränen und polnische Verzweiflungstiraden ihm seine innere Ruhe rauben - bis er sich durch Hilfe eines buddhistischen Mönchs mit der Stimme in seinem Inneren versöhnt.

Schauspielästhetisch eher konventionell, lädt der Abend zur Reflexion über den Umgang mit Vergangenheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.05.2005)

Von Cornelia Niedermeier
  • Gegen die mystische Hochzeit der Seelen von Dybbuk und Braut ist auch der Rabbi machtlos.
    foto: festwochen

    Gegen die mystische Hochzeit der Seelen von Dybbuk und Braut ist auch der Rabbi machtlos.

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