Müder Geschlechterverkehr

23. Mai 2005, 23:02
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Gustav Ernsts Neufass­ung von Aristophanes' Komödie "Lysistrate" über Frauen, Männer und den Krieg feierte im Volkstheater Premiere

Ein kurzer, durchwachsener und letztendlich kreuzbiederer Abend in der Regie von Stephan Bruckmeier.


Wien - Lysistrate, die Anführerin des Liebesstreiks der Frauen gegen ihre ewig Krieg führenden Männer in Aristophanes' gleichnamiger Komödie aus dem Jahr 411 v. Chr., hat es gut 2400 Jahre später als Gattin eines Staatsoberhauptes der westlichen Welt in ein Wellness-Hotel verschlagen. Dort sitzt sie gemeinsam mit ihrem orientalischen Gegenstück Siba, Anhang und Hotelpersonal fest, während die Männer sich im Sitzungssaal nicht auf die Formulierung des Friedensvertrages einigen können.

Lysistrate. Damenprogramm, Gustav Ernsts Neufassung von Aristophanes' Stück, vertraut auf die Zeitlosigkeit des Stoffes. Immer werden Männer Krieg spielen und Frauen darauf warten, dass endlich Schluss damit ist. Auch in der Wahl ihrer Waffen, den Gemahlen das Kriegtreiben auszutreiben, verfallen die Protagonistinnen zunächst auf dieselbe Idee: "Fickstreik! Das Einzige, was es ihm begreiflich machen kann!"


Stumpfes Schwert

Was bei den alten Griechen reichte, erweist sich gegen den sensiblen Mann der Neuzeit allerdings als stumpfes Schwert: "Heut hab ich Migräne, morgen muss ich früh raus, übermorgen hab ich einen wichtigen Termin, nächstes Jahr hab ich eine entscheidende Sitzung."

Als letzter Ausweg dient, die Schlösser auszutauschen und die Männer so lange auszusperren, bis sie winselnd angekrochen kommen, um endlich das Ende des Krieges zu erklären: "Im Grunde haben wir eh nie richtig wollen. Im Grunde haben wir eh viel mehr daheim sein wollen."

Als Schlusspointe wird den Herren der Schöpfung dann noch eröffnet, dass sie eine aussterbende Art seien. Sie würden bald nicht mehr gebraucht.

Kraftmeier Ernst setzt in seinem Text wenig überraschend vor allem auf Zoten und Kalauer. Mag durchaus sein, dass sich hinter dem derben Spruch, den seine Figuren führen, womöglich auch ein bisschen Wahrheit über die Geschlechter und ihr Verhalten verstecken mag. Die sorgfältige Komposition seiner Prosaarbeiten lässt sein Auftragswerk fürs Volkstheater jedoch vermissen.

Auf eine schön zugespitzte Rede oder einen gelungenen Sager ("Zum Nichtficken gehören immer noch zwei!") kommt mindestens genauso viel Leerlauf. Bei einem Theaterabend von gerade einmal 100 Minuten wäre mehr Dichte wünschenswert gewesen. Das Ensemble hat nichtsdestotrotz seinen Spaß an der Lysistrate. Der Untertitel Damenprogramm verleitet die agierenden Volkstheater-Schauspielerinnen (Cornelia Lippert, Imke Büchel, Cornelia Köndgen, Doina Weber, Isabel Weicken, Maria Urban, Gabriele Schuchter, Doris Weiner) dazu, den Abend als Freispiel zu nehmen.


Im Fitnesscenter

In Fitnesscenter-Kulisse (Ausstattung: Gudrun Kampl) präsentieren sie sich als raufende, singende, tanzende Girlgroup (Choreografie: Claudia Senoner), die das Stück an sich reißt, während die Inszenierung (Stephan Bruckmeier) blass bis zur Unkenntlichkeit bleibt und nichts sagender Drum 'n' Bass von vor ein paar Jahren (Musik: Gilbert Handler) dudelt.

Was von der Grundidee wohl knalliges Pop-Theater werden sollte, entpuppt sich trotz der vielen bösen Worte schnell als im Grunde kreuzbiedere Unterhaltung. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.05.2005)

Von Sebastian Fasthuber
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