Die Schlachtung des heiligen Gockels

23. Mai 2005, 19:35
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Geglücktes Tanzprojekt derzeit im Next Liberty nächst der Grazer Oper: "Metamorphosen"

Graz - Das Überraschende an dem Tanzstück Metamorphosen, das derzeit im Next Liberty nächst der Grazer Oper läuft, hat vor allem strukturelle Ursachen. Denn diese Choreografie hat drei Autoren: Elio Gervasi, Catherine Guerin und Iva Rohlik. Und das ist, mit Verlaub, ein Rarissimum im zeitgenössischen Tanz.

Denn immer noch gilt dem Künstler sein Ego als heiliger Gockel. Doch in Wirklichkeit ist der vom eigenen Genie ergriffene "Künstler" samt attitüdenhaftem Gehabe und Gekrähe schon zur Persiflage seiner selbst geworden. Daher spielen in der neueren Choreografie und im Theater Kollektive, so selten sie auch sein mögen, eine wichtige Rolle, hier zu Lande etwa Superamas und das theatercombinat.

Doch temporäre choreografische Kooperationen bilden einen Trend: Meg Stuart hat im Vorjahr gemeinsam mit Benoît Lachambre Forgeries, Love, and other matters geschaffen, Vera Mantero arbeitet gerade mit der Südafrikanerin Robyn Orlin an einem Stück, das diesen Sommer bei ImPulsTanz zu sehen sein wird. Und Xavier Le Roy hat seinerzeit gar unter dem Namen Jérôme Bel choreografiert. Dass sich aber drei doch sehr verschiedene Tanzschaffende, die einander noch dazu nicht besonders gut kennen, zusammen an ein Werk machen, ist wirklich mutig. Rohlik ist neoklassisch angehauchter choreografischer Nachwuchs aus der Compagnie des Wiener Staatsopernballetts, Guerin zertrümmert gerade mit heroischem Entdeckerwillen ihre alte Ballettbiografie, und Gervasi variiert rasant die klassische Moderne.

Der Mut hat sich gelohnt: Die drei beweisen, dass es möglich ist, ein künstlerisches Statement zu bauen, das viel mehr hält, als der blasse Titel Metamorphosen verspricht. Es ist müßig, das Stück nach individuellen Spuren der drei zu untersuchen. Aber wer ihre Werke kennt, sieht die gegenseitigen Brücken und Brüche sehr wohl. Mit vereinten Kräften haben sie ihre acht bestechenden Tänzer auf ein darstellerisches Niveau gebracht, das einige Wiener Kompanien seit 20 Jahren vergeblich vorzutäuschen suchen. Gervasi, Guerin und Rohlik konnten das Modell der Zusammenarbeit erfolgreich weiterdenken, und das ist ein wichtiger Schritt für den österreichischen Tanz. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.05.2005)

Von Helmut Ploebst
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    foto: next liberty/dimov
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