Das Paradies der Slowenen

19. Juli 2005, 16:13
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Zeit war´s, und es ist beruhigend zu sehen, dass sich der Nestor der österreichischen Zeitungsmenschen, ...

Zeit war 's, und es ist beruhigend zu sehen, dass sich der Nestor der österreichischen Zeitungsmenschen, wie der Cato der österreichischen "Kronen Zeitung" in Andreas Mölzers "Zur Zeit" ehrfurchtsvoll angeschleimt wird, seiner Verantwortung für die Erfüllung des Staatsvertrages sogar in Kärnten nun doch nachzukommen entschlossen hat - in Redlichkeit, jedoch auf seine Weise.

So durfte Donnerstag ein nicht näher vorgestellter Emmerich Speiser den Eindruck korrigieren, der sich unerklärlicherweise in der Öffentlichkeit - aber außerhalb Kärntens, denn dort kann man sich das erklären - eingeschlichen hat.

Der so genannte Kärntner Ortstafelkonflikt hat in den letzten Wochen in Österreich außerhalb Kärntens den Eindruck erweckt, dass im südlichsten Bundesland die slowenische Minderheit rechtlos einer bösen, ewig gestrigen deutschsprachigen Mehrheit ausgeliefert ist. Für Staatsbürger außerhalb Kärntens wird dieser so genannte Eindruck sofort erklärt: Dieses Bild ist völlig falsch. Den Kärntner Slowenen geht es im Vergleich zu anderen Minderheiten in Europa sehr gut.

Das aus dem Munde Emmerich Speisers zu hören sollte die "Krone"-Leser unter den Kärntner Slowenen zu größerer Bescheidenheit ermuntern. Kann Speiser doch nicht nur darauf verweisen, dass es in Kärnten sogar zweisprachige Schulen und Kindergärten, ein Gymnasium, eine slowenische Handelsschule und vieles mehr gibt, ja dass in Südkärnten Slowenisch auch Amtssprache ist. Mehr noch, die von der deutschsprachigen Mehrheit über die unsicheren slawischen Kantonisten ausgegossene Gnadenfülle kennt kein Ende: Überdies gibt es auch mehr als 70 zweisprachige Ortstafeln.

Und dennoch fordern die Slowenen die Einhaltung des Staatsvertrages, was damit zu erklären ist, dass nationale, ewiggestrige Parteien in Slowenien - am besten, man stellt sich darunter eine Bruderpartei des BZÖ vor - und deren verlängerter Arm in Kärnten, der radikale Rat der Kärntner Slowenen, heute noch der Vision von einem Großslowenien nachhängen. Klar, dass man diesbezüglich dort, wo man einst intensiv der Vision von einem Großdeutschland nachhing, besonders empfindlich ist. Weshalb laut Speiser der emotionale Widerstand in der Mehrheitsbevölkerung gegen die Ausweisung ganz Südkärntens (bis zum Wörthersee) als geschlossenes slowenisches Siedlungsgebiet durch flächendeckende zweisprachige Ortstafeln einfach ein Faktum ist - anders als etwa der Staatsvertrag, der in Kärnten bisher eher visionären Charakter behielt.

Und das ist gut so, denn was käme denn heraus, würde man ihn auch dort in den Rang eines Faktums erheben und die Forderungen der Slowenen erfüllen? Faktum ist, da kann man Speiser nichts vormachen, dass die Funktionäre des Rates der Kärntner Slowenen mit immer neuen Forderungen kommen werden. Denn würden auch die letzten Probleme zwischen Minderheit und Mehrheit in Kärnten gelöst, wäre diesen Funktionären die Existenzgrundlage entzogen. Bei den Funktionären des Heimatdienstes und des Abwehrkämpferbundes ist das anders. Die haben mit der Endlösung von Problemen traditionell kaum Probleme.

Schon ein paar Tage später, am Sonntag, durfte ein Anonymus, der unter dem Pseudonym "Eule" in der "Krone" regelmäßig die Linie der Freiheitlichen vertreten darf, in Speisers und wohl auch Catos Kerbe hauen. Es entging ihm weder, dass einer noch nicht vollständig erfüllten Bestimmung des Staatsvertrages eine sehr breite Aufmerksamkeit gewidmet wurde, noch der tiefere Zweck dieser Widmung: Einer bestimmten Berichterstattung schien es viel weniger um die Anliegen der slowenischen Minderheit zu gehen, als primär den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider als einen engstirnigen, für die Versäumnisse verantwortlichen Volkstumspolitiker darzustellen. Anders ist die fast tägliche Befassung mit der Kärntner Problematik kaum erklärbar.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Jörg Haider völlig verkannt wird. Man mag zu Haider stehen wie man will, der Objektivität halber sollte man aber nicht verschweigen, dass dieser seit Jahren um eine sachliche Lösung des Ortstafelproblems bemüht ist. Warum hat dieses Bemühen dann bisher zu keinem Erfolg geführt? Hat Haider in Kärnten nichts zu sagen? Setzt er sich nicht gegen Ambrozy oder gegen die Abwehrkämpfer durch? Nein, es sind die Medien, die ihm beim Problemlösen im Wege herumstehen. Je weniger eine polemische Berichterstattung, die vordergründig innenpolitischen Zielen dient, sich in Minderheitenprobleme einmengt, umso förderlicher wird dies für einen Erfolg kommender Konsens-Konferenzen sein.

Aber nur in Kärnten! Anderswo gelten andere Regeln. Hilfreich wäre es, wenn jene Berichterstattung, die sich ständig den "Versäumnissen in Österreich" widmet, auch den Problemen der österreichischen Minderheit in Italien zuwenden würde. Denn im Vergleich zu dieser geht es den Kärntner Slowenen sehr gut. Pardon - viel zu gut! (DER STANDARD, Printausgabe, 24.5.2005)

Günter Traxler
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