Senator Yung im STANDARD-Gespräch: "Die Franzosen lieben das Nein"

29. Mai 2005, 08:09
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Der Sozialist über die Ausgangslage vor dem Referendum am Sonntag

Wien – Richard Yung sitzt seit 2004 mit einer speziellen Zuständigkeit im Pariser Senat: Gemeinsam mit elf anderen Senatorenkollegen repräsentiert der 57-jährige Sozialdemokrat, der zugleich im Vorstand des Parti Socialiste ist, einen Teil der Auslandsfranzosen. Dieser Tage hat Yung alle Hände voll zu tun: In zwanzig Ländern hat er schon vor Vertretern der französischen Diaspora die Werbetrommel für ein Ja zur EU-Verfassung gerührt, das er, anders als viele Parteikollegen, selbst vehement befürwortet.

Am Montag umriss Yung vor Journalisten in Wien sechs Tage vor dem Referendum seine Sicht der Dinge. Prinzipiell glaubt er, dass es eine gute Idee gewesen sei, die EU-Verfassung einer Volksabstimmung zu unterwerfen, auch wenn man um einen gewissen antiautoritären Grundzug des Nationalcharakters wisse ("Die Franzosen lieben das Nein"). Hätte man die EU-Verfassung in der Nationalversammlung ratifizieren lassen, dann "hätte es zwar eine 80 prozentige Zustimmung gegeben, aber nicht die nötige öffentliche Diskussion".

Allerdings sei die Wucht, mit der sich die Neinsager in die Debatte gebracht hätten, doch überraschend gekommen. Mehrere Strömungen von Verfassungsgegnern hat Yung geortet: Da gibt es etwa die "Souveränisten", denen 20 bis 30 Prozent der Wähler angehören. Sie sind links und rechts im Parteienspektrum angesiedelt; ihre Hauptangst ist der Verlust der nationalen Unabhängigkeit. Dann gibt es jene, die Präsident Jacques Chirac eins auswischen wollen. "Ich kann sie ja verstehen", meint Yung, "aber sie antworten auf eine Frage, die nicht gestellt wurde. Das wäre so, als hätte man 1962 in der Volksabstimmung als Anhänger der Entkolonialisierung gegen ein unabhängiges Algerien gestimmt, nur um De Gaulle zu ärgern." Eine weitere Gruppe sind schließlich jene Linken, die ein "neoliberales" Europa befürchten.

Yung seinerseits ist überzeugt, dass die neue Verfassung zu einem sozialeren Europa beitragen werde. Warum sich der PS nicht dazu aufraffen konnte, in dieser Frage mit einer Stimme zu sprechen? Weil hier die alte Regel, wonach man nach außen einig auftritt, außer Kraft gesetzt worden sei: "Den Riss gibt es nicht nur bei uns, sondern auch bei der Rechten." Und was passiert bei einem französischen Nein? Ein zweites Votum wie in Irland oder Dänemark gibt es jedenfalls nicht, ist sich Yung sicher. Und hofft weiter darauf, dass eine Mehrheit der Franzosen am Sonntag über ihren Schatten springen und mit Ja stimmen wird.

Senator Yung nimmt am Dienstag, um 19 Uhr in der Diplomatischen Akademie (Diplak) in Wien an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wohin mit Europa?" teil. Diese Debatte wird von der neuen "Arbeitsstelle für französisch-österreichische Beziehungen" an der Diplak mitveranstaltet, die sich vermehrt um die "Achse" Wien–Paris kümmern will. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.5.2005)

Von Christoph Winder
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