Wenn Glück auch Wissen schafft

23. Mai 2005, 14:43
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Sich glücklich fühlen macht gesund - die Wissenschaft lachte vor dreißig Jahren noch darüber

Auf nach Dänemark, Malta oder in die Schweiz. Denn dort, glaubt man der Studie des Glückforschers Ruut Veenhoven, leben die glücklichsten Menschen der Welt. Der niederländische Soziologe der Universität Rotterdam hatte in 90 Ländern das subjektive Wohlempfinden ihrer Bewohner erhoben. Auf einer Skala von 1 bis 10 gaben Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihren persönlichen Grad an Zufriedenheit an. Dänemark erreichte durchschnittlich den Wert 8, ebenso Malta und die Schweiz. Österreich zeigte sich mit sieben Punkten ziemlich unzufrieden, Deutschland nur ein wenig fröhlicher (7,1). Am unglücklichsten fühlen sich laut der Studie die Menschen in Armenien (3,7), der Ukraine (3,6), Zimbabwe (3,3) und in Tansania (3,2).

Komplexe Frage

Was ist eigentlich Glück? Mit dieser Frage beschäftigen sich Philosophen, Verhaltensforscher, Theologen und Biochemiker seit vielen Jahren. Biochemische Zusammenhänge werden natürlich schneller geklärt, als philosophische Fragen: Wenn es stimmt, was neueste Studien zum Verhältnis des persönlichen Glückempfindens und der Gesundheit sagen, dann dürften bestimmte Prozesse der Dänen anders funktionieren als jene der Menschen in Zimbabwe. Denn glückliche Menschen schütten geringere Menge des Stresshormons Cortisol aus als unzufriedene. So weit, so bekannt, seit rund vierzig Jahren gilt Cortisol als mitverantwortlich für Diabetes, Bluthochdruck, den verschiedensten immunologischen Krankheiten und Depressionen. Seit Längerem weiß die Wissenschaft auch, dass depressive Menschen unter einer schlechteren Immunabwehr leiden. Neu entdeckt wurde nun die Verbindung zwischen persönlicher Befindlichkeit sowie einigen Herz- und Gefäßerkrankungen. Forscher rund um Andrew Steptoe vom International Centre for Health and Society in London ließen mehr als 200 gesunde Londoner und Londonerinnen zwischen 45 und 59 Jahren eine Art persönliches "Glückstagebuch" zu schreiben. Ihr Fazit: Unglückliche Menschen wiesen unter Stress einen mehr als zwölffach höheren Anteil des Blutgerinnungsstoffs Fibrinogen auf als die glückliche Kollegen. Diese zeigten allerdings auch in den subjektiv als stressig empfundenen Situationen keine erhöhten Cortisol-Werte.

Science of Pleasure

Dass glückliche Menschen in gesunden Körpern stecken ist nichts wirklich Neues. Bereits die "Science of Pleasure" der Gruppe Arise erkannte, dass Fröhlichkeit die Ausschüttung von Cortisol vermindert und somit die Immunreaktion verbessert. Wobei besonders Lachen das persönliche Wohlbefinden steigert, wie die Gelotologie, die Lehre vom Lachen, interdisziplinär belegt ("gelos", griech.: lachen).

Es war William Frey von der Universität Stanford, der mit seinen Tests zum Vater der Lachforschung avancierte. Seine für die Fünfzigerjahre bahnbrechende Erkenntnis: Lachen heilt den Körper. Während des Konsums von Stan Laurel & Oliver Hardy-Filmen wurde Testpersonen Blut abgenommen und die Aktivität der natürlichen Killerzellen während der Lachanfälle analysiert. Es zeigte sich, dass körpereigene Killerzellen in den Lachphasen höchst aktiv waren. Heute versuchen Klinikclowns und Lachyogaseminare Freude in den oft tristen Alltag zu bringen.

Dem Einfluss von Stimmungen auf das Immunsystem geht auch die noch relativ junge Disziplin der Psychoneuroimmunologie auf den Grund. Sie erforscht die gegenseitige Beeinflussung von Immunsystem, Nervensystem und menschlicher Psyche.

Glückszustände

"Gewisse Glückszustände, die beispielsweise durch Sex oder beruflichen Erfolg ausgelöst werden, können über hormonelle Veränderungen unter anderem die Funktionen des Immunsystems günstig beeinflussen", weiß Konrad Schauenstein von der Medizinischen Universität Graz. Andererseits zeigten epidemologische Untersuchungen an der Universität Heidelberg, dass die subjektiv erlebte Unzufriedenheit des Menschen mit dem eigenem Leben die Anfälligkeit für ganz bestimmte maligne Tumoren erhöhe, erklärt Schauenstein.

Diese Erkenntnisse wurden bis vor wenigen Jahren von der Grundlagenwissenschaft nicht akzeptiert: "Es dauerte, bis die Beschäftigung mit dem Einfluss der Psyche auf das Immunsystem innerhalb der Medizin salonfähig wurde," erzählt der Pathophysiologe. "Man belächelte Psychoneuroimmunologen in den Siebzigerjahren, sie gerieten in Verruf, Traumdeuterei zu betreiben."

Mittlerweile hat sich das vor allem aufgrund eindeutiger molekularbiologischer Befunde - zum Glück - geändert. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 5. 2005)

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    foto: simon graf
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