Das "verlorene Jahrzehnt des Internets ist vorbei"

23. Mai 2005, 13:14
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Juror Joichi Ito: Nach geplatzter Internet-Blase wieder am Weg, offenes und auf Demokratisierung, Kommunikation und Meinungsfreiheit fokussiertes Medium zu werden

Linz - "Das verlorene Jahrzehnt des Internet ist vorbei": Das weltweite Computernetz sei nach der geplatzten Internet-Blase wieder auf dem Weg, ein offenes und auf Demokratisierung, Kommunikation und Meinungsfreiheit fokussiertes Medium zu werden. Diese positive Prognose tätigte Joichi Ito, mehrfacher Internet-Firmengründer und Juror der "Digital Communities"-Kategorie des Prix Ars Electronica, während der Jurysitzungen zur heurigen "Goldenen Nica".

"Internet-Blase"

Die "Internet-Blase" - die durch einen Börsencrash zu Ende gegangene rasende Ökonomisierung des Internets - habe das Netz "von den früher essenziellen Idealen" wie Meinungsfreiheit, De-Regulation und Gleichberechtigung aller Benützer "weit entfernt", so der japanische Internet-Vordenker, der 2001 vom Weltwirtschaftsforum zu einem der 100 "Global Leaders of Tomorrow" für das Jahr 2002 gekürt wurde. "Die während der Blase entstandenen Instant Messenger etwa wollten ihre Benützer einsperren, ihnen keine Alternative lassen, auch andere Kommunikationsstandards zu verwenden. Nun wenden sich die Benützer wieder offenen Standards zu", schilderte Ito.

Internet kehrt zudem zurück, was es einmal war

Beim Blogging beispielsweise, den derzeit sehr angesagten Web-Tools für die Verbreitung der eigenen Weltsicht des jeweiligen Benützers oder auch zur alternativen Nachrichten-Berichterstattung, seien "alle Standards offen, jeder kommuniziert mit jedem." Das Internet kehre, nachdem die wirtschaftlichen Interessen wieder weniger allgegenwärtig seien, zurück zu dem, "was es einmal war. Wir sind derzeit in einer sehr, sehr guten Phase."

Internet ermöglicht als erste Technologie dezentrale Innovation

Die im Vorjahr geschaffene Kategorie der "Goldenen Nica", die "Digital Communities" auszeichnet, würdige Projekte, die diese positiven Entwicklungen aufzeigen, so Ito. Denn das Internet ist "die erste Vernetzungs-Technologie, die Innovation dezentral, von den Rändern des Netzes her erlaubt", betonte Ito. "Eines der zentralen Themen ist, den Individuen am Rand mehr Macht oder Stimme zu geben". Die "Nica" stelle dabei auch ein Statement gegenüber großen Institutionen dar. "Wir glauben an offene, nicht von oben verordnete, am Individuum orientierte, dezentrale Internet-Projekte. Doch das tut nicht jeder. Die UNO zum Beispiel glaubt nicht an derartige Projekte, oder sie tut es, weiß aber nicht damit umzugehen. Daher wollen wir ein besonders erfolgreiches Beispiel eines derartigen Prozesses hervorhaben."

Beispiel wikipedia

Ein Beispiel dafür sei der letztjährige Gewinner, die "Wikipedia"-Enzyklopädie, bei der ein gesamtes Lexikon von den Benutzern in aller Welt selbst kreiert und durch kollektives Redigieren auch objektiv gemacht wurde. "Eigentlich ist es komplett gegen jede Intuition, dass so viel guter, richtiger, objektiver Inhalt von einer so großen Gruppe erzeugt werden kann. Unsere Message mit der 'Nica' war: Wir beweisen, dass etwas derart Unintuitives möglich ist und alle herkömmlichen Paradigmen über kollektive Zusammenarbeit verändern kann."

Schon der Entstehungsprozess des Internets sei nicht von oben verordnet, sondern "von unten", durch die Menschen selbst, her vonstatten gegangen, so Ito, der überzeugt ist: "Auf jeder Ebene wird das Internet der Eckpfeiler der Demokratie, der Meinungsfreiheit und der Menschenrechte des 21. Jahrhunderts sein. Die 'Digital Communities' sind der Weg, wie dieses Netzwerk von Gruppen benützt wird, um diese neue Art der Bürgerbeteiligung zu erschaffen. Und damit eine neue Art der Demokratie". (APA)

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