Wer ist der Täter? Eine ambivalente Sache

23. Mai 2005, 12:59
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Kommt es bei der Nachhaltigkeit von elektronischen Geräten auf die ökogerechte Erzeugung an, auf Entsorgung, Richtlinien oder einsichtige Hersteller? "Auf all das zugleich", erklärt der Umweltwissenschafter Joachim Lohse im Gespräch mit Michael Freund.

Standard: Herr Lohse, Sie werden in Wien bei der Eco-X (8. bis 10. 6.) über "Herausforderungen für die Nachhaltigkeit in der Elektrik- und Elektronik-Industrie" sprechen. Was ist das Hauptproblem?
Lohse: Abfall muss heute Teil einer integrierten Vorgehensweise sein. Man kann bei der Erfassung von Abfällen noch viel verbessern. Vor allem Kleingeräte - Föhn, Handy, Rasierer - werden noch nicht in genügendem Maß aus dem gemischten Müll raussortiert, obwohl gerade in den älteren Geräten Metalle enthalten sind wie etwa Alu oder Kupfer, nach denen die Nachfrage steigt. Da ist zu hoffen, dass auch die Marktkräfte, neben den Verordnungen, das Recycling fördern. Integriert vorgehen bedeutet aber, den Gesamtkreislauf im Auge zu haben. Einerseits gilt es, Schadstoffe zu minimieren, dafür zu sorgen, dass sie nicht verwendet werden. Gleichzeitig muss man darauf achten, was an ihrer statt verwendet wird, ob die Gewinnung und Entsorgung von Alternativen, insgesamt gesehen, nicht mehr Probleme verursachen als lösen.

STANDARD: Zum Beispiel?
Lohse: Zum Beispiel Blei. Nach den Statuten der RoHS (Restrictions on Hazardous Substances) ist von Blei als Rohstoff in E&E-Geräten ab- zusehen. Nun ist aber Blei schwer zu substituieren, und wenn, dann kann das auch ökologisch kontraproduktiv sein. Ersatzlegierungen, etwa mit Wismuth, bedeuten erhöhten Aufwand beim Abbau. Der findet zwar in anderen Ländern statt, muss aber in die Gesamtrechnung mit einbezogen werden. Das ist das "Rucksackbild": Wie viel muss zusätzlich "mitgeschleppt", also gefördert, gelagert, wegtransportiert werden, wenn man einen bestimmten Rohstoff gewinnen will. Solche Fälle wurden in den letzten zwei, drei Jahren diskutiert und lassen an bestimmten Stoffverboten zweifeln. Bei Kadmium und Quecksilber ist das anders, da spricht die Gesamtbetrachtung eindeutiger für Restriktion - obwohl es auch da begründete Ausnahmen geben mag, z. B. in sicherheitsrelevanten Anwendungen.

STANDARD: Was sind die am meisten gesundheitsgefährdenden Stoffe bei E&E-Geräten?
Lohse: Die eingebauten halogen-organischen Flammenhemmer. Die Kombination von brennbarem Kunststoff und elektrischem Strom ist heikel, darum "imprägniert" man die Kunststoffe mit Verbindungen, mit denen man leider schlechte Erfahrungen gemacht hat. Die Dioxin-Problematik führte zum Beispiel zur Schließung der Kabelschmelzanlage in Brixlegg. Auch neue Geräte geben kleine Mengen an Schadstoffen ab, die reichern sich im Hausstaub an. Das ist nicht unbedingt akut gefährlich, aber die Stoffe reichern sich schließlich auch in den Meeren, in Organismen bis hin zur Muttermilch an. Jüngste Studien zeigen, dass Arbeiter in Re- cycling-Anlagen einen höheren Grad an Anreicherung mit Schadstoffen haben.

STANDARD: Was folgt daraus?
Lohse: Dass es nicht genügt, wenn lediglich Gesetze erfüllt werden, weil der Gesetzgeber mit Einzelstoffverboten niemals die Vielfalt der chemischen Möglichkeiten regulieren kann. Die Hersteller sollen sich proaktiv um alternative Materialien kümmern.

STANDARD: Aber wer tut das freiwillig?
Lohse: Das kommt auf die Hersteller im Einzelnen an. Wir haben ziemlich deutliche Signale, dass entgegen der landläufigen Meinung asiatische Unternehmen da schneller vorankommen als solche in der EU.

Selbst in China werden EU-Richtlinien analog in nationales Recht umgesetzt; die Frage bleibt natürlich, ob sie auch befolgt werden. Aber zu sagen, dass wir "mit schadstoffhaltiger Billigware überschwemmt" werden, das gilt in dieser Einfachheit nicht. Japanische Hersteller haben im Gegenteil gezeigt, dass sie bei E&E-Geräten freiwillig auf Halogene verzichtet.

STANDARD: Ein Hoffnungszeichen?
Lohse: Ja. Andererseits darf man nicht vergessen, dass Umweltauflagen zunächst mal teuer sind, besonders in der Rohstoffgewinnung wie beim Erzabbau. In Ländern mit wenigen Rechten, geringer Bildung der Bevölkerung und Korruption in den obersten Schichten herrschen Bedingungen, unter denen die Umwelt stärker leidet. Wer ist da der Täter? Das ist eine ambivalente Sache.

Wir haben auch schon mit Vertretern von Konzernen etwa in Afrika zu tun gehabt, die versuchen, gewisse ethische und Umweltstandards hochzuhalten.

STANDARD: Welche Maßnahmen halten Sie in unseren Breitengraden für sinnvoll?
Lohse: Auf jeden Fall ordnungsrechtliche Maßnahmen wie die RoHS. Dazu proaktive Maßnahmen der Erzeuger, Informationsaustausch und Zusammenarbeit mit NGOs. Damit kann man schon einiges erreichen.
www.kerp.at
www.eco-x.at

  • Jochim Lohse verlangt das Aussortieren von Kleingeräten wie Handys aus dem Hausmüll
    foto: der standard

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