Brasiliens Regenwald stirbt immer schneller: Soja-Anbau hauptverantwortlich

28. Mai 2005, 21:15
9 Postings

Zweithöchste Entwaldungsrate aller Zeiten

Brasília - Brasilianische Umweltschützer sprechen von Hohn: Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat am Wochenende die Schaffung von fünf neuen Naturschutzreservaten im Amazonasgebiet angekündigt. Alle fünf Schutzgebiete sollen im Staat Pará ausgewiesen werden. Dort war im Februar die US-Umweltaktivistin und Nonne Dorothy Stang ermordet worden.

Was die Umweltverbände besonders ärgert, ist die Tatsache, dass trotzdem die Vernichtung des Regenwalds immer schneller vorangetrieben wird. Vorige Woche erst hatte Umweltministerin Marina Silva die undankbare Aufgabe, die neuesten Zahlen bekannt zu geben: Von August 2003 bis August 2004 wurden demnach im brasilianischen Teil Amazoniens 26.130 Quadratkilometer Wald vernichtet. Das ist der nach 1994/95 zweithöchste Wert aller Zeiten - und 6,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Nach einer Studie des Imazon-Instituts aus Belém hat der Raubbau inzwischen vier neue, relativ abgelegene Regionen in den Bundesstaaten Pará und Amazonas erreicht. Im "Bogen der Entwaldung", wo die Agrargrenze von Süden und Osten her auf den Regenwald vorrückt, ist vor allem die von der Regierung gehätschelte Sojawirtschaft für den Kahlschlag verantwortlich.

Allein im nördlichen Teil des Bundesstaats Mato Grosso wurden 12.576 Quadratkilometer abgeholzt. Der dortige Gouverneur, "Sojakönig" Blairo Maggi, ist der weltweit größte Sojaproduzent. Die gelben Bohnen waren 2004 mit zehn Milliarden Dollar (knapp acht Milliarden Euro) Brasiliens wichtigstes Exportgut, fast die Hälfte davon ging nach Europa. Das Wirtschaftswachstum von zuletzt 5,2 Prozent habe zu dem "unerwünschten" Zuwachs an Zerstörung beigetragen, räumte auch Ministerin Silva ein.

Zu wenig Kontrolle

Umweltaktivisten haben keine Illusionen mehr. Trotz positiver Einzelmaßnahmen stelle der Schutz Amazoniens für Lula keine Priorität dar, beklagt Paulo Adario von Greenpeace. Ein Aktionsplan gegen die Entwaldung werde nur halbherzig umgesetzt, das Geld dafür zurückgehalten. Vor allem das Aufgebot an Inspektoren, die die Gesetze durchsetzen, sei völlig unzureichend. "Das Umweltministerium ist auf sich allein gestellt", meint auch Nurit Bensusan von WWF-Brasilien.

Nicht nur er setzt auf internationalen Druck. Aufmerksam werden in Brasilien die Reaktionen in der Auslandspresse registriert, die in Großbritannien besonders vehement ausfielen. In Brasília forderte die grüne Europaabgeordnete Monica Frassoni ein stärkeres Engagement für Amazonien. Inzwischen entzogen die sieben Parlamentarier der grünen Partei der Regierung ihre Unterstützung. Lulas Umweltpolitik insgesamt sei eine "Katastrophe", heißt es zur Begründung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 5. 2005)

Von Gerhard Dilger aus Porto Alegre
Share if you care.