Volk ohne Religion? Land ohne Kirchen?

22. Mai 2005, 20:26
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Österreich-II-Retrospektiven: Prädikat "lückenhaft" - Kommentar der anderen von Rupert Klieber

Die Rückblicke auf die Geschichte der Zweiten Republik in Form von Ausstellungen und TV-Dokumentationen sind in der Mehrzahl zweifellos professionell gemacht - sowohl inhaltlich als auch im Bemühen um attraktive Präsentationsformen.

Dass dabei trotz deutlicher Fokussierung auf die "politischen" Vorgänge im engeren Sinne auch immer wieder interessante Schlaglichter auf den Alltag und die konkreten Lebensbedingungen der Bevölkerung geworfen werden, ist verdienstvoll. Umso mehr erstaunt jedoch die fast völlige Ausblendung des Faktors Religion in den Darstellungen der österreichischen Nachkriegsgesellschaft: Bis auf wenige Einsprengsel (der zerstörte Stephansdom oder die prägende Gestalt Kardinal Königs als Bild-Stele im Belvedere) scheint Österreich nach 1945 diesen Dokumentationen zufolge gleichsam "chemisch rein" von Religion und Kirchlichkeit gewesen zu sein. Dies widerspricht freilich grob dem Zeugnis einer Vielzahl von Quellen bildlicher und schriftlicher Natur, insbesondere was die katholische Mehrheitskirche des Landes betrifft. War wirklich nichts des Folgenden eine Erwähnung (in Bild oder Ton) wert?:

  • die Tatsache, dass in den 1950er-Jahren knapp 96 Prozent der in Österreich Geborenen katholisch getauft wurden, 22 Prozent aller Wiener und 55 Prozent aller Vorarlberger jeden Sonntag zur Kirche gingen und 43 Prozent aller österreichischen Gläubigen zu Ostern beichteten und kommunizierten;
  • die breite "Versäulung" der gläubigen Basis in den neuen (nach Frauen, Männern, Jugend geordneten) Formationen der formell 1949 etablierten Katholischen Aktion?
  • der neue finanzielle Spielraum der Kirchen, der sich dem NS-Erbe des Kirchenbeitrags verdankte und der unter anderem für ein kirchliches Siedlungsprogramm ab 1947 genutzt wurde (bis 1959 verbauter Kirchengrund 3300 Hektar); 
  • die vielgestaltigen Anstrengungen der Kirchenleitungen und Wortführer des katholischen Milieus (zum Beispiel Otto Mauer), durch zeitgerechte Formen christlichen Denkens jene Lücken auszufüllen, die durch die tragische Vertreibung der jüdischen Intelligenz und durch die geistigen Verheerungen der NS-Ideologie entstanden waren;
  • die von fast 10 Prozent der Bevölkerung getragenen Versuche, die Freiheit des Landes "herbeizubeten" - unter anderem (Stichwort "Rosenkranzsühnekreuzzug") mit regelmäßigen Prozessionen über die Wiener Ringstraße;
  • der Beitrag kirchlicher Großveranstaltungen wie etliche Katholikentage in den Diözesen und 1952 in Wien (Motto: "Freiheit und Würde des Menschen") zum neuen Selbstvertrauen und zur Identitätsstiftung des Landes sowie zur Aussöhnung des katholischen Zentrums mit rechts und links (ehemalige Nationalsozialisten und Sozialisten).

Gestützt auf solide Forschungsergebnisse, ist festzuhalten: Die christlichen Kirchen und insbesondere die katholische Mehrheitskirche genossen im Nachkriegs-Österreich wie wohl in keiner Periode zuvor eine breite gesellschaftliche Akzeptanz - mit Sicherheit mehr als im österreichischen Kaiserstaat nach 1806, in der Ersten Republik oder im Ständestaat. Und entsprechend nachhaltig prägten sie auch den Alltag der Bürger - nicht zuletzt mit ihrem Ideal der christlichen, in ein Pfarrleben integrierten Familie, die zu gründen sich nunmehr viel mehr Österreicher leisten konnten als jemals zuvor.

Schade, dass eine nachwachsende Generation davon in den laufenden zeitgeschichtlichen Dokumentationen so gut wie nichts erfährt - und beschämend für uns professionelle Kirchenhistoriker, dass wir uns offensichtlich so wenig in den öffentlichen und fachlichen Diskurs einzubringen verstehen. Damit bleibt ein breiter Sektor der Lebenswirklichkeit Österreichs nach 1945 ausgeblendet bzw. wird allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen. Das verzerrt nicht nur das Bild der Vergangenheit, sondern unterschlägt auch Identifikationsmodelle für die Generationen von heute und morgen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.05.2005)

Zur PersonRupert Klieberlehrt am Institut für Kirchengeschichte der Universität Wien
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