Kinder, hört die Signale!

22. Mai 2005, 21:36
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The Arcade Fire aus Kanada sind das Beste, das dem Pop 2005 passieren kann - Mit Feuereifer und großem Herzen ging es auch im seit Wochen ausverkauften Wiener Flex in den Kampf gegen Kälte und Zynismus

Wien - In einem Gewerbe, in dem der Superlativ die Grundlage der täglichen Geschäfts
sprache bildet, mag dieser Satz vielleicht inflationär klingen, aber: The Arcade Fire sind derzeit, mit der strikten Betonung auf jetzt, die beste Band der Welt!

Immerhin sollte es im Pop ja auch einmal darum gehen, den jungen Leuten mit dreiminütigen Revolutionsschlagern vom besseren Leben nicht nur das Geld aus der Tasche zu ziehen. Pop hätte, abgesehen von der bloßen Rebellion über ein anders geartetes Konsumverhalten auch immer von der Verdichtung von Gegenwart und der Reaktion darauf im Sinne von so altmodischen Begriffen wie jenem der Utopie handeln sollen.

Angesichts heutiger Klingeltöne und gecasteter Anbiederungsschlager, konfrontiert mit sexistischem Manchester-Kapitalismus- und Gangster-Rap oder gelangweilten weißen Bengeln, die die New Wave ihrer Eltern noch lustloser nachstellen, als es sich diese mit Joachim Witt und Nena je verdient hätten: alles derzeit ist natürlich dementsprechend am Sand. Und all dieser zynische Ausverkauf kann mutlos machen.

Fähnlein Fieselschweif

Die tolle Aussichtslosigkeit im Wunderland von MTV bedingt aber auch immer wieder die Gründung pop-fundamentalistischer Fähnlein Fieselschweifs, die sich mit heiligem Zorn, aber aus ganzem liebendem Herzen in den Kampf für das Gute werfen.

The Arcade Fire sind so ein Häufchen Aufrechter. Sie agieren in ungewöhnlicher Besetzung. Neben klassischem Rockinstrumentarium setzt die Band auf ihrem Debüt Funeral mit herzzerreißendem Pathos und großen, ins Land der Sehnsucht gebauten Melodien vor allem auch auf Stakkato-Akkorde auf dem Piano, auf ein wehmütiges Akkordeon und einen himmelhoch jauchzenden und tragödisch betrübten Streichersatz. Man will damit die Weltjugend im Namen der Liebe mobilisieren: "Sleeping is giving in, no matter what the time is!"

Allein wie sich die junge achtköpfige Truppe aus dem kanadischen Montreal bei ihrem seit Wochen ausverkauften Österreichdebüt im Wiener Flex mit Feuereifer in den ersten - mit großer Bestimmtheit, ernstem Blick und forsch in Dur in den Saal gehämmerten - Song Wake Up wirft, gleicht einer mit allem Übel der Welt hadernden Erweckungspredigt für das Volk der Versauten.

Dem droht bei Verweigerung der Wahrheit die ewige Verdammnis: "Children wake up, hold your mistake up, before they turn the summer into dust! If the children don't grow up, our bodies get bigger but our hearts get torn up . . ."

Im Zentrum dieser Wunderband steht das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne, junge Menschen, die es aus Texas und Haiti nach Montreal verschlagen hat, wo während des Studiums der Religionswissenschaft abseits von Trends und Metropolen sehr gewissenhaft an einer Musik gefeilt wurde, die so stark sein sollte, dass sie nicht nur die Jahre und Moden überdauert. Sie muss auch so fest gebaut sein, dass man sie live nicht kaputtschlagen kann.

Mit vor Ergriffenheit über einen aussichtslosen Kampf um verlorene Seelen erstickten und ins Melancholische wegkippenden Stimmen rumoren Butler und Chassagne in den eigenen Songs wild herum. Saiten reißen. Das Keyboard dient ebenso als Perkussionsinstrument wie die Bühnenlichtaufhängung, die Saalwände oder ein Motorradhelm. Schlagzeug-Stative fliegen.

Das Ehepaar, eine nicht nur gesanglich plausible Neudeutung von Gruftie-Vater Robert Smith (The Cure) und Björk (The Björk) sowie sechs sich an den Instrumenten ständig abwechselnde Freunde, verzücken derzeit nicht nur distinguierte ältere Herren wie David Bowie. Der meinte jüngst bei einem Konzert von The Arcade Fire, dass er - in Verkehrung eines berühmten Zitats - die Vergangenheit des Rock 'n' Roll gesehen habe.

Gerade weil solch beseelte und große und erschütternde Musik heute ja nur mehr äußerst selten gebaut wird, besteht allerdings auch für die Zukunft zarte Hoffnung. Wie derzeit die enthusiastischen Reaktionen eines jungen Publikums in den USA und Europa zeigen, dürften The Arcade Fire bald nicht mehr in Clubs wie dem Flex predigen, sondern Feldmessen abhalten. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.05.2005)

Von Christian Schachinger
  • Das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne kämpft mit The Arcade Fire für Pop als noch immer mögliche Kraft der Veränderung zum Guten: "Wake up!"
    foto: standard/christian fischer

    Das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne kämpft mit The Arcade Fire für Pop als noch immer mögliche Kraft der Veränderung zum Guten: "Wake up!"

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