Kommentar: Austauschbare Sieger

31. Mai 2005, 13:02
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Was der Songcontest abbildet, ist, was niveauloses Formatradio unkritischen Hörern als Pop verkauft - Von Karl Fluch

Auf den ersten Blick hat es etwas Verstörendes: Pop-Exoten wie Griechenland, Rumänien oder Moldawien taumeln im Siegesjubel, während große Pop-Nationen mit entsprechenden Verdiensten wie England, Frankreich oder Deutschland das gedemütigte Schlusslicht des 50. Eurovision Song Contest bilden. Aber: alles halb so schlimm. Denn die richtige Musik spielt woanders. Was der Songcontest abbildet, ist, was niveauloses Formatradio unkritischen Hörern als Pop verkauft. Eine billig produzierte und auf raschen Profit hin ausgerichtete Musikware, die nicht mehr will und kann, als eine Nachfrage zu befriedigen, die sie selbst hergestellt hat: das Bedürfnis nach einer kantenlosen Berieselungsmusik für den Alltag, am Reißbrett von Typen wie Dieter Bohlen entworfen, vorgetragen von austauschbaren Gesichtern und Namen.

Deshalb zählen die Errungenschaften der Beatles in so einem Wettbewerb wenig. Dass die deutsche Gruppe Kraftwerk Techno miterfunden hat, ist hier ebenso unwichtig, wie es die legendären Saubarteleien eines Serge Gainsbourg sind. Länder mit ernst zu nehmender Pop-Tradition schätzen den Songcontest generell als weniger bedeutsam ein als neu an die Pop-Welt angeschlossene Staaten. Etwa jene Länder, die früher hinter dem Eisernen Vorhang von dieser dort als mindestens systemzersetzend eingeschätzten Kultur abgeschnitten waren.

Diese Staaten sind es, die heute am meisten Euphorie in das künstlerisch wertlose Wettsingen einbringen. Während der Songcontest in Westeuropa vielfach als karriereschädigend eingeschätzt wird, besitzt schon die Teilnahme für eine moldawische Band eine ungleich höhere Wertigkeit. Das mag zynisch und westlich arrogant klingen. Doch genau so ist das Business, in das all diese Teilnehmer so dringend wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.05.2005)

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