Archäologen untersuchen Osttiroler Kosaken-Tragödie

30. Mai 2005, 13:23
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Ausgrabungen auf Lagerplätzen bei Lienz: Zahlreiche Relikte gefunden

Innsbruck - Zeitgeschichte und Archäologie - an diese nicht alltägliche Kombination wagt sich ein Forschungsprojekt und in Kürze auch eine Ausstellung im Osttiroler Lienz. Es geht um die so genannte "Lienzer Kosakentragödie", die vom 25. Mai bis 10. Juli in der Lienzer Tammerburg im Mittelpunkt einer Ausstellung mit dem Titel "Flucht in die Hoffnungslosigkeit - Kosaken in Osttirol" steht.

Ein Team von Archäologen, Historikern und Volkskundlern unter Leitung von Harald Stadler (Institut für Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter und Neuzeitarchäologie der Universität Innsbruck) erforscht ein dunkles Kapitel aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren.

Anfang Mai 1945 hatte sich ein Großteil des XV. Kosaken-Korps, das auf der Seite der Nazis gekämpft hatte, aus Friaul nach Osttirol und unter die vermeintlich sichere Obhut der britischen Besatzungsmacht zurückgezogen. Mit dabei war der gesamte Tross mit Frauen und Kindern, die mehr als die Hälfte der rund 25.000 Menschen starken Truppe stellten. Die Kosaken-Armee lagerte einen Monat lang in der Umgebung von Lienz.

Am 1. Juni 1945 wurde sie von den Briten unter Gewaltanwendung in Züge verfrachtet und - gemäß den alliierten Vereinbarungen über die Auslieferung sowjetischer Staatsbürger - an die Rote Armee in der Steiermark übergeben. Bei der Deportation spielten sich laut Augenzeugen schreckliche Szenen ab. Dutzende Menschen wurden dabei getötet. Man sah Frauen, die mit ihren Kindern in die Drau sprangen. Die Überlebenden wurden von den Sowjets nach Sibirien deportiert, was für die allermeisten das Todesurteil bedeutete.

Die Idee der Tiroler Wissenschaftler, dass die Kosaken-Tragödie auch archäologische Spuren hinterlassen haben müsse, erscheint im ersten Moment ungewöhnlich, sei aber durchaus plausibel, meint Projektleiter Harald Stadler: "Die Frage am Ausgangspunkt der archäologischen Betrachtung war: Was und wie viel bleibt von 25.000 Personen zurück, die sich einen Monat lang in einer Region aufhalten?" Vor zwei Jahr starteten Stadler und seine Kollegen die Suche nach den Relikten jener dramatischen Tage und wurden reichlich fündig. Nach klassischer Archäologenart sondierte und grub man an den ehemaligen Kosaken-Lagerplätzen, wo Sporen, Steigbügel, Erkennungsmarken, Münzen und vieles mehr auftauchte.

Die Forscher betrieben aber auch "Dachboden-Archäologie": Bei Einheimischen stießen sie auf Hunderte weitere Relikte - vom Kosaken-Dolch über Uniformteile und Sättel bis hin zu vier kompletten Panjewagen aus dem Tross der Kosaken-Armee. Sie stießen auf eiserne Kochkessel, die als Blumentöpfe verwendet wurden und Kosaken-Fellmützen, die die Osttiroler im Fasching getragen hatten.

Eine ehemalige Hebamme übergab ihnen eine fein gearbeitete, orientalisch anmutende Brosche, die sie von einer Kosaken-Frau als Dank für die Hilfe bei einer Geburt erhalten hatte. Viele dieser unter- und oberirdischen Fundstücke sind nun in der Ausstellung in der Tammerburg zu sehen.

Dass archäologische Forschung auch bei zeitlich so nahe liegenden Ereignissen Sinn macht, ist für Projektleiter Harald Stadler keine Frage und wurde seiner Meinung nach durch die Ergebnisse des Kosaken-Projekts mehr als bestätigt. "Die Archäologie hat überall dort ihren Sinn, wo schriftliche Zeugnisse fehlen oder ungenügend sind. Außerdem haben wir in unser interdisziplinäres Projekt ja auch die historische Forschung, das heißt die vorhandenen schriftlichen Quellen, einbezogen" erklärte Stadler.

Beflügelt vom Erfolg will Stadler sein Projekt fortsetzen. Für Grabungen nach allen Regel archäologischer Kunst ins Auge gefasst sind zwei weitere viel versprechende Plätze, nämlich die so genannte Kosaken-Schmiede und jene Gruben, in denen die britischen Besatzungssoldaten 1945 einen Großteil der von den Kosaken zurückgelassenen Habseligkeiten verbrannt und mit Bulldozern vergraben haben. (red/APA)

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    Fundstücke aus Lienz, derzeit auf der Tammerburg zu sehen.

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