Der sommerliche Schwimmkerl-Faktor

26. Mai 2005, 21:13
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Die Badesaison ist eröffnet - aber auf das Wasser kommt es dabei oft gar nicht so an

In Wirklichkeit ist das Wasser gar nicht so wichtig. Es muss nur da sein. Meint Peter Zellmann: Das Wasser im See oder Bad, erklärt der Wiener Freizeitforscher sei eine mentale Konstante: "Das ist wie beim All-inclusive-Urlaub: Es geht um das Bewusstsein, dass alles da, bezahlt und verfügbar ist - wirklich ausnutzen kann das ganze Spektrum ohnehin keiner." Das lasse sich "inhaltlich eins zu eins" auf den kleinen Zwischenstopp am heimischen Süßwasser umlegen: "Das Bewusstsein schafft die Befriedigung. Und die Entspannung hat wenig damit zu tun, ob man tatsächlich ins Wasser geht."

Alles, was beschwimmbar ist

Freilich: Mit solchen, auf der Metaebenen-Luftmatratze über den sommerlichen Abhänge-Teich schippernden Erkenntnissen will und wird sich niemand belasten, der ab sofort (offizieller Badesaisonstart war ja fast überall Anfang Mai), dem alten Gassenhauer folgend, die Badehose einpackt und samt kleinem Schwesterlein ans Wasser eilt: Österreich ist im Sommer schließlich eine aquatische Republik - und alle Macht geht vom Bade aus.

Zumindest beinahe: 1250 Frei- und Strandbäder sowie 130 Wildwasserflüsse und -bäche führen die Statistiker der Österreichwerbung ins Treffen, wenn sie die Beschwimmbarkeit des Landes illustrieren wollen. Und beim Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen weiß man von 714 stehenden Gewässern, die eine Gesamtfläche von 532 Quadratkilometern bedecken. Freilich, betont man hier wie dort, sei das längst nicht alles. Aber "in der Österreich-karte ist eben nicht mehr eingezeichnet", entschuldigt sich ein amtlicher Vermesser, "Swimmingpools scheinen da nicht auf". Und auch viele bebadebare Fließgewässer - etwa die 19 Kilometer lange Neue Donau in Wien - sind in dieser Statistik nicht erfasst.

Also versucht man, den "Schwimmkerl"-Faktor des Landes anderweitig festzumachen. So ist laut Christa Lausenhammer, der Sprecherin der Österreich Werbung, für 41 Prozent der in Österreich urlaubenden Menschen - also In- wie Ausländer - das Badeangebot ein wichtiger Grund zu kommen (oder zu bleiben). Über ein Drittel plant den Österreich-Urlaub generell als Badeurlaub - und 52 Prozent der von der Österreich Werbung im Vorjahr Befragten gaben an, in Österreich (nicht nur zur Körperpflege) Wasserkontakt gehabt zu haben.

Die Assets der Süßwasserplanscherei gegenüber südlicheren Destinationen, erklärt Lausenhammer, lägen darin, "dass der Großteil der Badeseen Trinkwasserqualität hat". Auch das alpine Panorama gelte als spannender als der Mittelmeersandstrand.

Wenige Olympioniken

Im urbanen Raum, ergänzt Wiens Vizebürgermeisterin und Bäderstadträtin Grete Laska, käme da noch ein weiterer Aspekt dazu: "Bäder fallen bei uns unter den Posten ,soziale Infrastruktur' - in einer Gesellschaft, in der sich immer weniger Menschen bewegen, hilft es schon, wenn man sich statt auf das Sofa auf die Luftmatratze legt." Das Bäderangebot sei deshalb - auch - ein aktiver Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, das Defizit (rund 35 Millionen Euro im Jahr) das allein die Wiener Bäder durch gestützte Eintrittspreise einfahren, bereite ihr daher keine schlaflosen Nächte.

Freilich: Ganz unwidersprochen will der Sportwissenschafter und Freizeitforscher Zellmann die Sache mit dem "Sport" und der Bewegung nicht im Raum stehen lassen. Sicher - es sei unumstritten, dass "der Auftrieb, der Bewegungen im Wasser leichter macht, maßgeblich an der entspannenden Wirkung und dem Spaß" des feuchten Elements beteiligt sei. Und klar sei auch, dass in einer Sitz-Gesellschaft jede Form von Bewegung zu begrüßen sei. Aber die landläufige Euphorie, Österreich sei - spätestens seit Markus Rogan - eine Nation der Wasserratten, kann Zellmann nicht teilen: "87 Prozent der Bevölkerung gehen nie auch nur ansatzweise sportlich Schwimmen. Ein Drittel geht gemütlich Baden - aber ein Drittel kann man getrost als überzeugte Nichtschwimmer (und -bader) bezeichnen." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 21.05.2005)

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