Der Bergdoktor hat keinen Lover

21. Mai 2005, 13:48
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In der österreichischen Medienwelt ist der schwule Mann nach wie vor ein Tabu

Man stelle sich folgendes Szenario vor: ORF 1, 20 Uhr 15: Zum Ausstrahlungsbeginn der britisch/amerikanischen Erfolgsserie Queer as Folk findet ein Themenabend "Queer" statt: Vor dem Pilotfilm des Quotenhits von Showtime Kabel TV, in dem es um die Liebes- und Lebensdramen, den Sex und die Politik einer kleinen Community schwuler Charaktere geht, läuft eine Making-of-Doku, danach ist Wong Kar-wais Schwulenklassiker Happy Together zu sehen.

Was in Großbritannien, Belgien, Frankreich, Israel, Finnland und Ungarn Realität ist, scheint in Österreich unmöglich: Die Ausstrahlung von Queer as Folk im ORF wird wohl erst dann passieren, wenn alle "Desperate Houswives" glücklich geworden sind und Carrie Bradshaw Samantha geheiratet hat.

Der Schwule glänzt in den österreichischen Mainstream-Medien durch eine Abwesenheit, die in Europa mittlerweile eine Ausnahmeerscheinung ist. Während andernorts TV-Serien, Werbespots, Lifestyle-Magazine und Showprogramme den Schwulen als Sympathie- und Identifikationsträger für eine recht erkleckliche Zielgruppe entdeckt haben, kommen die großen Printmedien und das staatliche Fernsehen hier zu Lande ohne ihn aus. Es regiert noch immer der Heteroschmäh - im Kabarett gleichermaßen wie in der Werbung -, und daran scheint sich bis auf Weiteres auch nichts zu ändern.

Deutschland als Orientierungsfluchtpunkt für österreichische Trendwenden ist in puncto Aufnahme des schwulen Mannes in das Spektrum des Repräsentierbaren schon lange vorgeprescht. So bietet das deutsche Fernsehen im Comedy- und Showsektor eine ziemliche Bandbreite an schwulen Faktotums - von Dirk Bach und seiner ZDF-Serie Lukas über Ralph Morgensterns Blond im Freitag-Talk bis zur Kölner Obertunte Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club), während im vergleichbaren ORF-Sektor mit Alfred Dorfer oder Armin Assinger Talker zu sehen sind, denen man ruhigen Gewissens einen völlig unzweideutigen Sexappeal bescheinigen kann.

Abgesehen von vereinzelten schwulen Charakteren in ORF-Eigenproduktionen (da gab es doch einmal eine Folge vom Bergdoktor, in dem ein Patient einen fernen Verwandten hatte, der, so munkelte man, bis ins hohe Alter unverheiratet blieb...), dem schnell wieder abgesägten Hermes Phettberg und dem Quoten-Männerpaar in Spiras Paarfindungs-Soap ist der im österreichischen Fernsehen gezeigte Mann geradezu zwanghaft hetero. Sogar Alfons Haider muss den Opernball an der Seite von feschen Ladys moderieren, um jedwede Assoziation (Opernmusik, aufwändige Garderobe...) im Keim zu ersticken.

Würde man einwenden, dass dies auf die - etwa im Vergleich zur Schwulenpräsenz in der Medienmetropole Köln - Abwesenheit der Schwulen im österreichischen Kulturleben zurückzuführen sei, übersähe man die Vielfalt und Dichte, welche das Queer Life in Wien zu bieten hat: Dieser Tage startet mit "identities. queer film festival" zum wiederholten Mal eines der handverlesensten europäischen schwul-lesbischen Filmfestivals. Das Kunstfestival "Wien ist Andersrum" ist mittlerweile ebenso Institution wie die Regenbogen-Parade zum Christopher-Street-Day.

Dass diese Events so wenig Auswirkung auf die Mainstream-Medien zeitigen, hat sicherlich zum großen Teil mit der konservativ-homophoben Programmatik in den Chefetagen zu tun. Die ORF-Intendanz sorgte sowohl für die Zensur des schwulen Werbespots von Peugeot im österreichischen Werbefenster als auch dafür, dass die schwule Ausgabe der Dating-Show Dismissed nicht zu sehen war.

Dazu kommt eine - wiederum im Vergleich zu Deutschland - wesentlich weniger ausgeprägte schwule Tradition im Kinofilmbereich. Für die beiden deutschen Meister des schwulen Autorenkinos, R. W. Fassbinder und Rosa von Praunheim, gibt es keine österreichischen Pendants, und Bully Herbigs deutscher Interpretation der Camp-Ästhetik in Der Schuh des Manitu steht in Österreich eine - teils mehr, teils weniger geglückte - Abarbeitung am österreichischen Macho-Prolo gegenüber, die in ihrer Roland Düringer'schen Ausführung so gar nichts Homoerotisches an sich hat.

In Österreich ist der Schwule nicht einmal als kommerzielle Zielgruppe entdeckt. Das Klischee des shoppingsüchtigen und einigermaßen wohlhabenden, an Luxusgütern und Verschönerungsprodukten fanatisch interessierten homosexuellen Mittdreißigers scheint in die hiesige Medienlandschaft noch nicht durchgedrungen zu sein. Lifestyle-Magazine sind nach wie vor ganz hetero orientiert, und die Werbeagenturen erlauben sich maximal einen subtilen Sidekick Richtung (pseudo)lesbischer Schuhfanatik.

Dem schwulen Mann hat die breite Produktpalette in Österreich - so scheint es bis dato - wenig bis gar nichts zu bieten, ganz im Gegensatz zum Rest der Welt: Wer die Cannes-Rolle mit den preisgekrönten Spots gesehen hat, weiß um das Potenzial der falschen Fährte Heterosexualität. Die Schlusspointe entlarvt den vermeintlich heterosexuellen Protagonisten als schwulen, liefert einen Überraschungseffekt für die heterosexuelle und volle Identifikation für die schwule Zielgruppe. Die Erinnerung an den Spot und - idealiter - das Produkt ist damit garantiert.

Selbstverständlich ist die Unsichtbarkeit des Schwulen als kommerzielle Zielgruppe im österreichischen Mainstream nicht nur Fluch: Vielleicht kann man sich ja freuen, nicht ständig und überall mit Kaufverführung belästigt zu werden. Die Absenz des Schwulen als medial vermittelte, kulturelle und unterhaltende Identifikationsfigur ist im Gegensatz dazu aber sehr bedauerlich und politisch skandalös: Der Verzicht auf schwulen Humor, schwule Ästhetik und schwule Kunst ist ein kulturelles Armutszeugnis für Österreich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.05.2005)

Von Andrea B. Braidt

Zur Person

Andrea B. Braidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien

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