Interview mit dem Soziologen Rüdiger Lautmann: "Nicht nur Sex"

30. Mai 2005, 13:18
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Schwule Lebensformen folgen eigenen Gesetzen: Stephan Hilpold im STANDARD-Gespräch mit dem Soziologie-Professor der Universität Bremen

STANDARD: Die so genannte Bochow-Studie fand heraus, dass in jeder zweiten schwulen Beziehung der Seitensprung auf der Tagesordnung steht und das auch akzeptiert wird. Warum ist das so?
Rüdiger Lautmann: Dieses Bild ist übertrieben. In dieser Umfrage wurden jene Schwule, die sich in der schwulen Subkultur bewegen, erreicht, während jene, die sich nicht in der schwulen Szene bewegen, unterrepräsentiert sind. Die Tendenz allerdings stimmt. Der Grund dafür ist, dass gleichgeschlechtlich liebende Frauen und Männer nicht in den Normenkodex eingebunden sind, der vorschreibt, dass man monogam zu leben und treu zu sein hat und dass, wenn man Seitensprünge macht, nicht darüber spricht. In der schwul-lesbischen Szene wird darüber gesprochen, es wird darüber auch in den Partnerschaften gesprochen. Im Grunde werden hier die Ratschläge aller Paartherapien verfolgt: Sprecht über eure Wünsche.

STANDARD:Trotzdem: Bedenkt man, wie leicht Sex unter Schwulen zu haben ist, ist das kaum eine gute Voraussetzung für eine stabile Partnerschaft. Machen es sich Schwule selbst schwer?
Rüdiger Lautmann: Schwule haben es sich selbst schwer machen müssen, da sie über viele Jahrzehnte auf ihre Sexualität reduziert worden sind und ihnen das Ausleben ihrer sexuellen Wünsche so schwer gemacht worden ist. Die Subkultur hat sich zunächst als eine Kultur von Treffpunkten für Sexualität und intime Kommunikation entwickelt. Das ist eine Last aus der Vergangenheit, die sich derzeit auflockert. Im Übrigen stimmt es einfach nicht, dass Schwule nur an Sex interessiert seien. Unter Schwulen ist der Sex genauso oft oder vielleicht noch öfter eingeschlafen wie unter Heterosexuellen.

STANDARD: Internet- und Chatforen bestimmen seit einigen Jahren maßgeblich schwules Leben. Man lernt sich zunehmend im Internet kennen. Was hat das für soziologische Auswirkungen?
Rüdiger Lautmann: Starke. Das Medium bietet neue Treffchancen, und die werden von Schwulen auch schnell und reichlich genutzt. Orte, an denen man bisher körperlich präsent war, leiden dadurch an Auszehrung.

STANDARD: Das Internet erzeugt ein Begehren, das kaum zu befriedigen ist. Inwieweit wirkt sich dieser Mangel auf schwule Sex- und Liebesformen aus?
Rüdiger Lautmann: Ich denke nicht, dass man die Möglichkeiten des Internets verdammen sollte. Es ist ein Marktplatz, auf dem jeder höchste Anforderungen stellt. Aber wenn Leute ihre Qualitäten und ihr Erscheinungsbild realistisch einschätzen, dann bieten diese Foren interessante Möglichkeiten.

STANDARD: In der heterosexuellen Welt gibt es klar definierte Rollenbilder, wie ist das in der homosexuellen?
Rüdiger Lautmann: Schwule und Lesben sind heterosexuell sozialisiert und haben diese Vorbilder natürlich ständig vor Augen. Alle traditionellen Formen kommen vor - und noch viele mehr. Es gibt zum Beispiel die Figur der reinen Beziehung. Man könnte das mit einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft gleichsetzen. Aber es ist dies eine besondere Beziehung, die auf einem Vertrag gründet und die Bestand hat, solange die Attraktion und Liebe anhält. Diese Form wurde von Schwulen und Lesben erfunden und dringt jetzt in die heterosexuelle Welt ein.

STANDARD: Das deutet darauf hin, dass es in der Homosexuellen-Welt eine Sehnsucht nach Lebensentwürfen gibt, die unter Heterosexuellen bereits seit Langem infrage gestellt werden. Etwa die Homo-Ehe.
Rüdiger Lautmann: Die Hochzeit ist auch unter Heterosexuellen wieder sehr im Kommen. Bei homosexuellen Menschen hat sie mit dem Wunsch nach Gleichstellung zu tun, dass man endlich die einem zustehenden Rechte bekommt, dass man nicht immer am Rande stehen will. Hier wird eine Hochzeit aber eher als Symbol und nicht, wie in der heterosexuellen Welt, als Lebensziel gehandhabt.

STANDARD: Unter Schwulen gibt es einen noch größeren Jugendwahn, als es in unserer Gesellschaft bereits der Fall ist. Warum ist das so?
Rüdiger Lautmann: Das ist keine besonders schöne Tradition. Bevor es die Homosexuellen in der heutigen Tradition gab, hatte man überhaupt nur Beziehungen unter Überschreitung von Alters-, Generationen- oder Klassengrenzen. Da waren die jungen Männer das Idealbild. Man kennt das auch aus dem antiken Griechenland. Aber auch das ändert sich. In der Subkultur gibt es mittlerweile starke Fraktionen für Ältere, für Dicke, für Glatzköpfige, für Bärtige. Der Jugendkult ist dabei, sich sehr stark abzubauen.

STANDARD: Früher war mit Schwulsein häufig ein ganz eigener Lebenswandel verbunden. Wie sieht das heute aus?
Rüdiger Lautmann: Lebensentwürfe waren bei Schwulen immer gebrochen. Idealiter wurden sie zusammengefasst als schwule Identität. Momentan bricht das Bild von der schwulen Identität weg. Es war immer nur ein Ideal, niemals die Realität. Heute spricht man mehr von Diversität, von Offenheit, von Flexibilität.

STANDARD: In den vergangenen Jahrzehnten hat Aids die Szene sehr stark geprägt. Ist Aids überhaupt noch ein Schwulenthema?
Rüdiger Lautmann: Kaum in der Subkultur, an den Treffpunkten. Es wird mittlerweile größtenteils auf Safer Sex geachtet, als Thema ist es aber kaum präsent. Es ist ja auch wirklich kein angenehmes Thema. Immer noch aber sind die Hälfte jener, die den Virus bekommen, homosexuelle Männer. Aids ist unter Schwulen ein Gesundheits-, kein Kommunikationsthema.

STANDARD: Es scheint so, als ob sich die Szene zunehmend dagegen wehrt, dass Schwulsein und Aids in einem Atemzug genannt werden.
Rüdiger Lautmann: Mit Recht. Es war im Grunde genommen ein Vernichtungsfeldzug, der zwar nicht geplant war, der manchen aber durchaus recht kam. Damit konnte sich kein Schwuler identifizieren. Nur mit den Toten und mit diesem Angriff - damit haben sich viele Schwule zu Recht identifiziert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.05.2005)

Zur Person

Rüdiger Lautmann ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen und seit den Siebzigerjahren prominent in der Homosexuellen-Forschung tätig. Seine jüngste Publikation: "Soziologie der Sexualität", Juventa 2002.

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    Lautermann: Bei homosexuellen Menschen wird eine Hochzeit eher als Symbol und nicht, wie in der heterosexuellen Welt, als Lebensziel gehandhabt.

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