Keine rosa Vergangenheit

20. Mai 2005, 20:55
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Auf der Suche nach der "schwulen Geschichte" Wiens begegnet man lauter Attrappen

Aus der Literatur und Geschichte erfährt man wenig über Homosexualität. Einerseits befand sie sich unterhalb jener Ekelgrenze, ab der man über die Dinge schweigt, andererseits gab es sie nicht - wenigstens im heutigen Sinn. Der homosexuelle Akt wurde von den einen verdammt - je nachdem als Sünde, Verbrechen, Krankheit oder soziale Abartigkeit - und von den anderen, ja, eben praktiziert. Ob die Praktiker nebenher Single, Ehemänner, arm oder reich, mit oder ohne glückliche Kindheit waren, ob ihr Körperbau, ihr Genital, ihr Hormonhaushalt gleich wie jener anderer war und ihre Mutter eine starke oder schwache Frau, blieb dafür völlig unerheblich. Für eine Tat brauchte kein Vorurteil erfunden werden, nur eine Strafe, die die Männer davon abhielt. Selbst das ödeste Klischee der Effeminiertheit des Schwulen traf damals keinen der gleichgeschlechtlichen Unzüchtler: Als "weibische" Männer wurden Priester und Tanzlehrer verunglimpft.

Erst als sich im 19. Jahrhundert die Gerichtsmediziner, Strafrechtler, Ärzte und Wissenschafter des Phänomens annahmen, erstand der Homosexuelle: Eine Tat bekam ihr Täterprofil. Und um dessen Beschreibung entstand unter den Disziplinen ein wahres Gerangel. Er sei sündhaft, er sei krank, er bedürfe hormoneller Zufuhr, er habe eine schraubenförmige Rute, er sei grundsätzlich antisozial, er gefährde das Bevölkerungswachstum, er sei weibisch, er sei schwach, er sei vieles, vieles mehr. Die Sexualwissenschaft wurde zur Königsdisziplin, die auf den Homosexuellen ausgeübt wurde; und ihre Verankerung in der österreichischen Residenzstadt wohl mitverantwortlich dafür, dass eine an sich unspektakuläre Wortschöpfung einen Siegeszug durch die ganze Welt unternahm: "Homosexual" hatte der österreichisch-ungarische Übersetzer Karl Maria Kertbeny 1869 in sein Tagebuch notiert. Heute heißt das nirgendwo mehr anders.

Die meisten auf diese Weise von den Wissenschaften Beschriebenen fühlten sich vermutlich nicht gemeint. Denn die meisten Menschen nahmen an diesen Diskursen weder teil, noch hörten sie von ihnen. Was man hatte, war der Volksmund, der einem eine Mischung aus "crimen nefandum", dem Verbrechen ohne Namen, und der "namenlosen Sünd" bereithielt - also nichts. Doch die sich angesprochen fühlten, wurden von Beschriebenen zu Betroffenen und reagierten je nachdem mit Ablehnung, Wut, Unterwürfigkeit oder Dankbarkeit:

Eine "Gräfin Merviola", Pseudonym für einen Leserbriefschreiber an die Illustrierte Österreichische Kriminal-Zeitung aus dem Jahr 1907, schrieb über seinesgleichen: "Es gibt keine erworbene Päderastie, wir alle die tausende, die wir uns ,Warme' nennen, sind schon seit der Geburt mit diesem Defekt behaftet und keine noch so große Leuchte, der ärztlichen Kunst, kann uns da kuriren am allerwenigsten aber irgent ein Staatsanwalt." (Orthografie wie im Original) Andere schrieben schweren Herzens ihre Lebensgeschichten zu Papier und sandten sie an die Herren Wissenschafter, zumeist um ihnen euphorisch zu versichern, die jeweiligen Theorien träfen sie genau auf den Punkt. Selbst die Homosexuellen, die ihr wissenschaftliches Heft selbst in die Hand nehmen wollten und über ihr Phänomen forschten und publizierten, wurden von ihren heterosexuellen (auch dies ein Wort von Kertbeny!) Kollegen zu Fallbeispielen ihrer Theorien gemacht.

So betraten erst im 20. Jahrhundert die Homosexuellen die Bühne der Öffentlichkeit. Jene der Politik in Form von Prinz Eulenburg und dem Korruptions- und Seilschaftsskandal, jene des Militärs in Form von Oberst Redl und dessen Erpressungsskandal, jene der Literatur schon mit größerem Personal, auch wenn es am Ende immer Selbstmord verübte. Die Theaterbühne selbst betraten die Homosexuellen auch schon bald, als Bruckners "Verbrecher", als Jouvets "Gefangene", und auch ihnen drohte immer der Selbstmord im letzten Akt.

Wissenschaft, Politik und Gerichte hatten den Homosexuellen zu einer umstrittenen Figur gemacht, die aus dem Dunkel der Stadt des 19. Jahrhunderts ans Licht der modernen Großstadt gebracht worden war. Der Nationalsozialismus brauchte denn auch für den homosexuellen Mann keine neuen Theorien mehr aufstellen: Wie beim Antisemitismus bediente er sich aus vorhandenen Klischees und konnte auch die widersprüchlichen miteinander vereinbaren. Den Betroffenen blieb einmal mehr deren hilflose Akzeptanz sowie die pure Verzweiflung des ständigen Verstecks. "Geheimsache:Leben" ist auch der Titel der ersten Lebenswelten-Ausstellung über Lesben und Schwule im Wien des 20. Jahrhunderts.

Denn selbst die Männer, die als Rosa-Winkel-Häftlinge aus den Konzentrationslagern befreit worden waren, trauten sich nicht, über ihr erlittenes Schicksal zu sprechen. Homosexuelle Opfer taten gut daran, nach 1945 ebenso wenig in Erscheinung zu treten und, im Gegenteil, möglichst unscheinbar ihr Dasein zu fristen. Neueren Forschungen zufolge beließ ein großer Teil der Betroffenen auch nach Ende der Nazizeit sein Geschlechts- und Beziehungsleben völlig eingestellt. Eine weitere Nachkriegsfolge war, dass die Verfolgten keine Lobby bildeten und nicht zuletzt deshalb keine Ansprüche auf Entschädigungszahlungen für sich erkämpften. Vor allem aber gaben sie ihre Geschichten nicht weiter, die Erinnerungen des Wieners Heinz Heger Die Männer mit dem Rosa Winkel waren über lange Zeit das einzige Selbstzeugnis eines schwulen Verfolgten.

Wie in anderen Bereichen auch blieben die NS-Theoreme über die Homosexuellen durch die 50er-Jahre hindurch virulent. Der Kinsey-Report wurde woanders gelesen. Und nur weil sich unter den amerikanischen Männern "der Homosexuelle", wie man ihn sich jetzt konstruiert hatte, kaum zu finden war, konnte er hier zu Lande trotzdem leicht geortet werden: im Kerker. Und im Kino: Anders als du und ich, der erste Schwulenfilm nach der Nazizeit, zerrte die üblen Verführer und Jugendverderber ein weiteres Mal ans Licht (und ehemaliges Nazi-Personal wieder vor und hinter die Kamera. Jud Süß-Regisseur Veit Harlan drehte mit Heimkehr-Schauspielerin Paula Wessely). Andere Geschichten gab es fast keine, auch die Schwulen erfuhren, wie sie waren, wenn Wessely als duldende Schwulenmutter bedeutsam zum Lexikon schreitet und "Das Dritte Geschlecht" nachschlug.

"Eigene" Geschichte blieb für Schwule eine Leerstelle. Die entstehenden Bürgerrechtsbewegungen änderten daran nichts, so wenig wie die lang ersehnte Abschaffung des so genannten "Totalverbotes" der Homosexualität unter Justizminister Broda. Die moderne Politik war auf die Homosexuellen gekommen und nahm ihnen endlich die Strafandrohung für die eigene Sexualität. Als Diskriminierungsersatz nahm man ihnen die Versammlungsfreiheit. Man verbot ihnen, "für die gleichgeschlechtliche Unzucht zu werben", was immer darunter zu verstehen war. Und man erfand ein unterschiedliches Alter, ab dem heterosexueller und homosexueller Geschlechtsverkehr der persönlichen Entwicklung dienlich oder schädlich war - schließlich war Harlans "Drittes Geschlecht" und sein Jugendverführer noch in vielen Köpfen. Erst unter massivem internationalem Druck fielen auch jene diskriminierenden Gesetze. Und selbst dann wurden die somit zu Unrecht Verurteilten nicht amnestiert: Der österreichische Gesetzgeber erkennt ein Gesetz als Unrecht, die danach Verurteilten aber als rechtens im Gefängnis.

Erst die Identitätspolitik des Jahrhundertausgangs realisierte das Defizit der Homosexuellen und bot ihnen als Gegenmittel Bestandteile von Identität zum Kauf: Lifestyle und Konsum machen den neuen Schwulen aus. Im konsumistischen Universum hat er seinen Platz ganz vorne, denn er weiß sich seine Menschenwürde zu kaufen. Dieser Schwule braucht keine Geschichte, weil er ohnehin erst vor dem Spiegel entsteht. (Hannes Sulzenbacher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.05.2005)

Von Hannes Sulzenbacher

Zur Person

Hannes Sulzenbacher ist Ausstellungsmacher und Kulturveranstalter.
Derzeit in Vorbereitung:

"Geheimsache: Leben - Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts"
vom 26. Oktober 2005 bis 8. Jänner 2006
in der Neustifthalle, Neustiftgasse 73, 1070 Wien

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