Clint Eastwood: "Erbarmungslos"

20. Mai 2005, 20:40
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Als Erbarmungslos im Spätsommer 1992 in die Kinos kam, hatte sein Hauptdarsteller schon in zehn Western mitgewirkt und drei selbst inszeniert

Verdienste hatten nichts damit zu tun. Als Erbarmungslos im Spätsommer 1992 in die Kinos kam, hatte sein Hauptdarsteller schon in zehn Western mitgewirkt und drei selbst inszeniert.

Aber erst dann, nach fast vier Dekaden im Filmgeschäft und 28 Jahren im Rampenlicht, wurde der Filmstar Clint Eastwood wie ein Regiestar behandelt und mit Lorbeeren, Elogen und einer Hand voll Oscars (unter anderem für den besten Film und die beste Regie) überhäuft, die der lakonischste aller Heroen mit eben jener Unaufgeregtheit in Empfang nahm, die ihn in Filmen wie Für eine Handvoll Dollar (1964) und Dirty Harry (1971) berühmt gemacht hatte.

Die Ironie an dieser Geschichte ist, dass einer der abgründigsten Filme überhaupt belohnt wurde. Eastwood, der seit jeher Männer auf der Grenze zwischen Gut und Böse spielt, ist William Munny - einst ein Halunke und gefürchteter Killer: fortwährend betrunken, mit einer Hand an der Flasche und der anderen am Pistolengurt. Zu Filmbeginn, 1880, ist er seit zehn Jahren nüchtern, Vater zweier Kinder, Witwer und glückloser Farmer. Er hat schon lange auf niemanden mehr geschossen, aber als er das Angebot erhält, in Big Whiskey, einem Kaff im fernen Wyoming, für 1000 Dollar einen Mann umzubringen, der eine Prostituierte verunstaltet hat, macht er sich auf den Weg - so widerwillig, als wüsste er, dass ihn die Reise geradewegs in den Schlund der Hölle führen wird, gegen den selbst das Dorf in Eastwoods erstem eigenen Western (Ein Fremder ohne Namen) paradiesisch erscheint.

Zehn Jahre hatte Eastwood gewartet, um in diese Rolle zu altern. Er schrieb einen Teil der Western-Historie um, indem er das Bild des Scharfschützen um ein paar unbequeme Facetten ergänzte. Im Dorf befindet sich ein Biograf, der Legenden des Westens aufschreiben will, aber durch Munny auf die Realität gestoßen wird. Nicht nur deswegen lässt sich der Film als Komplementärstück zu John Fords Mann, der Liberty Valance erschoss (1961) sehen.

Aber Erbarmungslos ist viel mehr als das: die Essenz eines Genres, dem Eastwood den letzten Rest an Romantik austreibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

Von Milan Pavlovic
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    foto: süddeutsche cinemathek
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