Von der Einbürgerung der Fremdwörter

21. Mai 2005, 16:01
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Dieter E. Zimmer erörtert Sprachwandel und Normenprobleme und plädiert für "Lass Deine Sprache nicht allein"

Ja das is war . . . wenn man gut ist dänken das du Cheates wirst alls cheater bezeichnet und kannst nix machen das ist scheisse . . . ich spiele ja (medal of honor) und (cod) bei mohaa sind auch Cheater die cheaten die sind alle krank ich weiss nicht warum die Cheaten ich weiss nicht aber die sind in mein augen krank." Alles klar? Sie lasen soeben eine Kostprobe aus einer sprachlichen Darbietung, welche Dieter E. Zimmer, der Ex-Wissenschaftsredakteur der Zeit, in die Rubrik "Private Spontane Alltagsschriftsprache" (PSA) eingeordnet hat. Diese Art des persönlichen Ausdrucks gibt sich unbekümmert um orthografische und sonstige kommunikative Übereinkünfte und feiert vor allem in den diversen Internetforen fröhliche Urständ.

Sollte man sich deswegen Sorgen machen oder doch eher entspannt auf die Selbstreinigungskräfte der Sprache vertrauen? Und wenn man an dieser Schreib- und Sprechweise etwas auszusetzen hat, wem steht es dann zu, den Richter zu spielen? Deutschprofessoren, Zeitungsredakteuren, dem Bildungsministerium, Mitgliedern der Duden-Kommission? Diese und ähnliche Fragen erörtert Zimmer in seinem neuen Sprachbuch in gewohnt gründlicher und kluger Manier.

Zimmer konstatiert zunächst ein anhaltendes Auseinanderklaffen von öffentlicher Sprachkritik und Wissenschaft. Bücher und Kolumnen, wie man zu sprechen und zu schreiben habe, erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit; die Linguistik dagegen enthält sich hartnäckig einschlägiger Werturteile und zieht sich auf einen bloß beschreibenden Standpunkt, der der einzig wissenschaftliche sei, zurück. Aus der Perspektive der universitären Linguistik erscheint Sprachkritik als theoretisch nicht fundiert, beliebig und geschmäcklerisch.

Zimmer selbst votiert in seinem Buch, das sich an den sprachbewussten Laien wendet, für einen Mittelweg: "Lass Deine Sprache nicht allein", fordert er, aber er plädiert auch nicht für Sprachnormen. Denn, so eine wichtige Klarstellung des Autors: Eine effektive sprachliche Normsetzungskompetenz kommt nur sehr wenigen Instanzen zu.

Eine ist der Staat, der den Schulen und Behörden seine Rechtschreib- und gesetzlichen Gleichstellungsnormen auferlegt, die andere Instanz sind die Normungsinstitute, denen die Vereinheitlichung der technischen Terminologie obliegt. Wenn darüber hinaus an der Sprache gearbeitet werden soll, dann bedarf es einer Bewusstheit, einer Awareness bei jedem einzelnen Sprachbenutzer.

Apropos Awareness: Eines der interessantesten Kapitel des Buches hat Zimmer der Frage der Anglizismen gewidmet, die nicht nur in ansehnlicher Zahl in den deutschen Wortschatz eindringen, sondern sich auch in den syntaktischen Strukturen breit machen ("to make sense", "Sinn machen" statt "Sinn ergeben"; "Wir hatten damals einfach Spaß" etc.). Zimmer sieht mehrere Gründe für diese Einwanderungsbewegung: den coolen Nimbus des Englischen etwa, den Umstand, dass sich viele Sachverhalte im Englischen einfach knapper auf den Punkt bringen lassen, oder den Mangel an befriedigenden Äquivalenten. Ein deutsches Wort, das alle Bedeutungsnuancen von "cool" adäquat wiedergibt, existiert schlicht nicht.

Dem Phänomen, meint Zimmer, sei nicht mit dem deutschen Reinheitsgebot beizukommen, aber auch eine sorglose "Anything goes"-Haltung sei unangebracht. Immerhin werfen die Neuankömmlinge eine Reihe von orthografischen und grammatikalischen Fragen auf, die im Sinne der kommunikativen Klarheit und Präzision nicht dem Gutdünken des Einzelnen anheim gestellt werden können, sondern für die Allgemeinheit verbindlich gelöst werden müssen. Zimmer spricht sich für einen Umgang mit Fremdwörtern aus, der letztlich einem humanen Umgang mit "menschlichen" Ausländern entspricht: Es ist unsinnig, sie in Bausch und Bogen zurückzuweisen, dafür sollte man jede erdenkliche Mühe und Sorgfalt darauf verwenden, sie zu integrieren.
Weitere Kapitel des Buches behandeln die Rechtschreibreform, der Zimmer einiges Positive abgewinnen kann, sowie neuere Theorien über Sprache und Denken: in Summe ein Buch, das dem Nachdenken über Sprache eine Fülle von Impulsen geben kann. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

Von Christoph Winder
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    Dieter E. Zimmer:
    Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit
    € 23,-/368 Seiten.
    Hoffman & Campe, Hamburg 2005

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