Nach Borges

21. Mai 2005, 16:09
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Zwei ebenso packende wie tief greifende Romane aus Argentinien: "Der Tangosänger" und "Ermittlungen"

Das erste Kapitel trägt das Datum September 2001 und beginnt in New York. Nein, nicht was man erwarten mag. Die Reise führt in eine andere urbane Gewalt, in ein anderes Imaginarium. Es geht um die verdeckten Geschichten sowie die oszillierenden Facetten einer Großstadt, um eine labyrinthisch anmutende Metropole - um Buenos Aires, um Wahrnehmung und Vorstellung, um Verwirrspiele und Illusionen. Ein Grundthema der argentinischen Literatur, so auch von Tomás Eloy Martínez, der mit seinen Romanen Santa Evita und Der General findet keine Ruhe einen weltweiten Erfolg kannte und heute in den USA lehrt.

In seinem neuen Roman Der Tangospieler sitzt Bruno Cadogan in New York an einer Dissertation über die Essays, in denen Borges den Ursprüngen des Tangos nachsann. Erst als er erfährt, dass ein Julio Martel, der nur unangekündigt auftrete, besser als Gardel singe, reist er für einige Monate nach Buenos Aires und kommt in der Zeit der großen argentinischen Wirren an. Hier vermischen, verwischen sich ihm literarische, historische, topografische Spuren, packen ihn die Wirbel des Gestern sowie des Heute. Aus dieses New Yorkers Ichperspektive ersteht ein aufwühlendes, unfassbares Buenos Aires, eine unfassbare, aufwühlende Tangostimme, im Hintergrund die Fiktionen von Borges und die Gewalttaten aus den Vergangenheiten des Landes.

Der schwer kranke Julio Martel, von dem es keine Aufnahmen gibt, singt an sonderbaren Orten, die in einer geheimnisvollen Beziehung zueinander stehen, wie der alte Tango das Leben, die Liebe und den Tod verbindend. Trotz seiner Bemühungen schafft es Cadogan zunächst nicht, ihn zu hören; er verstrickt sich vielmehr in einem leicht surrealen Netz. Das - allerdings schon recht strapazierte - Borges-Motiv des Labyrinths umspielt Tomás Eloy Martínez meist ebenso geschickt, wie er die narrativen Fäden knüpft, einige Male aber zu stark betont. Seiner Dichterstimme, die bisweilen am Rande des Latino-Kitsches hält, jedoch souverän eben nicht kippt, lässt sich folgen. Sie führt auch wieder aus dem unsicheren Urbanen hinaus, nicht ohne starke Eindrücke zu hinterlassen.

Buenos Aires vermag er als ein großes Ungewisses so fern und doch so nah zu bringen. Es gebe, heißt es, keine zuverlässigen Stadtpläne: "Aus Angst, sich zu verirren, entfernen sich manche Menschen in ihrem ganzen Leben nie weiter als zehn oder zwölf Häuserblocks von ihrer Wohnung." Die Namen der Personen, Cafés und Örtlichkeiten ändern sich, die Bezeichnungen und das Aussehen wechseln, und binnen einiger Wochen kennt das Land fünf Präsidenten. Die mangelnde Fixierung äußert sich sprachlich, im Argot, der oft die Silben vertauscht: Cadogan selbst wird verdreht als Cagando, "Kacker", verstanden, dann zu Cogan oder Cagan verkürzt. "Manchmal befand sich für mich das Labyrinth der Stadt nicht in den Straßen oder den Verwirrungen der Zeit", erklärt dieser Fremde auf der Suche, "sondern im unerwarteten Verhalten der Menschen".

Der Tangosänger ist ein Roman über die Faszination, die Melancholie der Töne und eine Urbanwelt nach Borges, über Staatsterror, Vertrauensbrüche, Morde und gestohlene Leichname, über das Verstecken, Täuschen, Verschwinden und Wieder-aufleben-Lassen.

Auf einem ähnlichen Terrain bewegt sich Juan José Saer, dessen Ermittlungen mir literarisch gewagter, origineller erscheinen. Auch Saer, den der Verlag dieses ersten auf Deutsch erschienenen Werkes als bedeutendsten argentinischen Autor nach Borges und Cortázar preist, lebt im Ausland, in Paris. Hier beginnt sein Roman, und zwar mit einer Erzählung: Innerhalb von neun Monaten hat in nur zwei Arrondissements ein Mörder, der keine Indizien hinterlässt, 27 alte Damen gefoltert, vergewaltigt und zerstückelt; Kommissar Morvan, der Leiter der Sondereinheit, schaut aus dem Fenster in die Schnee versprechende Vorweihnachtsdämmerung und fühlt die Nähe der Bestie, die ihre Kreise immer enger um das Büro der Fahnder zieht.

Dies berichtet der argentinische Schriftsteller Pichón, nach Langem aus der Seinestadt für einen knappen Aufenthalt in die Heimat zurückgekehrt, dem alten Kumpan Tomatis und dem jungen Soldi bei einem Essen an eines heißen Spätsommertages Abend. Im Nachlass ihres Freundes Washington Noriega hatten sie gemeinsam ein dickes Romantyposkript von unbekannter Hand in Augenschein genommen. Mit ihren Überlegungen zu Urheberschaft und Inhalt des Werkes (über den vorletzten Tag des Trojanischen Krieges aus der Perspektive zweier griechischer Soldaten) gelangen die Literaturfahnder zum Kernpunkt der Frage, wie sich Dichtung und Realität und Wahrnehmung, Fiktion und Wahrheit und Wissen zueinander verhalten. Die Handlung dieser unveröffentlichten 815 Seiten spielt ausschließlich im Lager der Griechen, referiert Saers Erzähler, der die komplexen narrativen Fäden mit atemberaubender Leichtigkeit zieht. Als die Trojaner das hölzerne Pferd in die Stadt bringen, wird die Szene von Weitem aus der Sicht des alten Soldaten betrachtet, der noch nichts von der List der Eigenen ahnt. Troja scheint "wie alles andere, was sonst noch auf der Welt existiert, gleichermaßen nah und fern zu sein".

Gut siebzig Seiten später lässt Juan José Saer seine drei Argentinier über die Wahrhaftigkeit der inzwischen von Pichón bis zum 28. Mord und einem ersten Indizstück mitgeteilten Pariser Vorfälle debattieren, worauf Soldi auf den Troja-Roman zurückkommt: Der alte Soldat, der seit Kriegsanfang mit der Nachhut betraut ist, weiß weniger über den Krieg Bescheid als der kürzlich eingetroffene junge. Für den Alten ist Troja ein graues Mauerwerk in der Ferne, die blutigste Schlacht "nicht mehr als eine Staubwolke", und die Helden hätte er nicht erkennen können. Dem Jungen hingegen sind alle Gegebenheiten aus den Erzählungen vertraut, die in Griechenland "schon jeder auswendig wusste, aber niemand zu hören müde wurde". Was für eine Parabel, was für ein Reflexionsangebot!

Die literarischen, historischen, geografischen Schauplätze, die Varianten von oraler und schriftlicher Narration führt Saer zu einer dichten, spannenden Prosa zusammen, deren Fluss er meisterhaft zu verzögern und dann wieder zu beschleunigen versteht. Die Pariser Mordfälle finden schließlich in Pichóns Bericht eine Auflösung, die zwar bei der Lektüre vorherzusehen ist, dann jedoch von Tomatis eine andere Variante entgegengesetzt erhält. Die Rätsel scheinen geklärt und bleiben doch offen.

Der "andere Zustand" besteht bei beiden Argentiniern, Tomás Eloy Martínez und Juan José Saer, intertextuell angelegt und von der Historie des eigenen Landes durchzogen, allemal als Möglichkeit im Hintergrund eines letztlich unergründlichen menschlichen Tuns. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

Von Klaus Zeyringer
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    Tomás Eloy Martínez:
    Der Tangosänger
    Aus dem Spanischen von Peter Schwaer
    € 20,40/237 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005

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    Juan José Saer:
    Ermittlungen
    Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek
    € 20,50/191 Seiten
    DuMont, Köln 2005

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