"Somersault": Auf die direkte Art

20. Mai 2005, 20:38
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Das prämierte Debüt der australischen Regisseurin Cate Shortland: "Somersault"

Wien - Heidi zögert nie allzu lange. Zum Beispiel steigt sie zu Joe, den sie erst gerade kennen gelernt hat, in den Pick-up und will mitkommen zu ihm. Gemeinsam fahren sie ins Hotel. Sie schwärmt von einer schicksalhaften Begegnung, er hockt unentspannt am Bettrand. Dann fühlt er ihren Puls, mehr nicht. Ein erster körperlicher Kontakt.

Heidi ist von zu Hause ausgerissen, ihre Mutter hatte sie mit deren Freund erwischt. Es verschlägt sie in einen Wintersportort am Lake Jindabyne, einer unwirtlichen, von rauer Schönheit bestimmten Gegend von Australien, die man dort kaum vermutet hätte. Heidi fällt schnell auf unter den Menschen hier, sie hat nichts von deren Zurückhaltung und Verschwiegenheit. Im Gegenteil: Sie wirft sich an sie heran, was schnell einmal missverstanden wird.

Somersault, das prämierte Debüt der australischen Regisseurin Cate Shortland, erzählt keine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte unter Heranwachsenden. Das Verhältnis zwischen Heidi und Joe bleibt kompliziert, weil er sich seine Liebe nicht eingesteht. Die Zeit des Films wird deshalb in parallel verlaufende Beobachtungen investiert, vor allem in jene der unbestimmte Sehnsucht der jungen Frau, die sich zunächst nur darauf richtet, irgendwo einen Platz zum Bleiben zu finden.

Shortland übersetzt das Suchen und Vorwärtstasten ihrer Hauptfigur, der Abbie Cornish genauso Sturheit wie Verletzlichkeit verleiht, mit einer sehr lyrischen Note. Sie bevorzugt Nahaufnahmen und lässt den Blick öfters über Details gleiten, spürt förmlich den Oberflächen der Dinge nach. Mit ihren roten Handschuhen wirkt Heidi mitunter wie eine Märchenfigur, deren Bedürfnis nach Zärtlichkeit von ihrer Umwelt nicht gestillt wird.

Davor, dass diese Subjektivierung der Wahrnehmung nicht zu prätentiös gerät, bewahrt Shortland zumeist ihre genaue Beschreibung des ländlichen Milieus. Nur mit Mühe gelingt es Heidi als Fremder, eine Unterkunft und einen Job an einer Tankstelle zu bekommen. Als sich ihr Joe mehr zuwendet, wird er dafür von seinen Freunden verhöhnt. Heidis Status an ihrem Zufluchtsort bleibt insofern sehr fragil: Die Freundschaften, die sie schließt, drohen bei der geringsten Beanspruchung wieder zu zerbrechen.

Nicht immer wirkt die Last, mit der einzelne Figuren in Somersault zu kämpfen haben, in gleichem Maß plausibel. Shortland hat, über das Streben ihrer weiblichen Heldin hinaus, den Entwurf einer ganzen Seelenlandschaft im Sinn. Allerdings bleibt Heidi eine unberechenbare Figur, die energisch ausbricht und sich behauptet - auch gegenüber der Schwermut der anderen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

Von Dominik Kamalzadeh


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    foto: polyfilm
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