Amerika erkennt den Klimawandel an

21. November 2005, 14:52
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Die Chefs der größten US-Unternehmen haben nun erkannt, dass der vom Menschen verursachte globale Klimawandel Realität ist - Gastkommentar von Jeffrey D. Sachs

Nach Jahren der Diskussion und der Gegenwehr durch die Regierung Bush wird man sich in den USA nun endlich der Realität des globalen Klimawandels bewusst. Die Chefs der größten US-Unternehmen haben erkannt, dass der vom Menschen verursachte globale Klimawandel Realität ist, kontrolliert werden muss und die Unternehmen dabei eine konstruktive Rolle zu spielen haben.

Die grundlegende Situation ist seit Jahren klar. Die weltweite Nutzung fossiler Brennstoffe trägt zu einem massiven Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre bei, der für die Erderwärmung verantwortlich ist. Das Niederschlagsverhalten ändert sich. Wüsten und trockene Regionen werden noch trockener. Extreme Wetterphänomene wie Wirbelstürme und Taifune werden wahrscheinlich zahlreicher. In Europa werden vermehrt Überschwemmungen auftreten. Kurzum, es gibt überzeugende wissenschaftliche Beweise, dass der Planet ernsthaft in Gefahr ist.

Wir müssen ein nachhaltiges Energiesystem schaffen. Dazu bedarf es einer Hinwendung zu erneuerbaren Energieformen wie der Sonnenenergie und möglicherweise der Atomenergie, ebenso wie neuer Technologien, mit denen man Kohlendioxid in Kraftwerken binden und anschließend in sichere unterirdische Lagerstätten entsorgen kann. Die Gesellschaft wird für diese Investitionen in neue Energietechnologien einen Preis zu bezahlen haben, aber der finanzielle Nutzen wird um ein Vielfaches höher sein.

Die USA sind der weltgrößte Emittent von Kohlendioxid aus dem Energieverbrauch, haben aber von allen großen Volkswirtschaften am wenigsten getan, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Die Bush-Administration behauptet, dass noch mehr Forschung betrieben werden müsse, ehe man zur Tat schreiten könne.

Allerdings ist man auch in den USA bereits zur Tat geschritten und zwar dank der Führungsrolle, die man in anderen Teilen der Welt übernommen hat.

Erstens hat der Rest der Welt das Kioto-Protokoll ratifiziert, um den Ausstoß von Kohlendioxid unter Kontrolle zu bringen. Zu Jahresbeginn führte man in Europa ein neues Emissionshandelssystem ein, um mittels marktbasierter Anreize die Kohlenstoffemissionen zu überwachen. In Europa tätige US-Unternehmen sind mit ihren auf diesem Kontinent verursachten Emissionen bereits in dieses System eingegliedert.

Zweitens haben große Investoren in den USA, etwa Rentenfondsmanager, erkannt, dass Unternehmen, die nichts für die Kontrolle ihrer Emissionen tun, in Zukunft finanzielle Einbußen erleiden könnten. Man weiß, dass die USA früher oder später dem Rest der Welt bei der Kontrolle des Klimawandels werden folgen müssen. Dann könnten Energieunternehmen, die mit antiquierten Technologien arbeiten, mit ernsthaften finanziellen Verlusten konfrontiert sein.

Der dramatischste Durchbruch erfolgte, als eines der bedeutendsten und innovativsten Unternehmen der Welt, nämlich General Electric, ankündigte, künftig einen "grünen" Weg einzuschlagen, indem man sich auf ökologisch vernünftige Technologien konzentrieren und sich verpflichten werde, seine eigenen Treibhausgasemissionen zu begrenzen. Mit der als "Ecomagination" (aus den Wörtern für Ökologie und Ideenreichtum) bezeichneten Initiative übernimmt GE eine Führungsrolle.

Es ist jetzt noch zu früh, auf ein erfolgreiches Engagement der USA im Bereich des Klimawandels zu zählen. Aber wie bereits andere Teile der Welt davor, werden die USA von der Realität eingeholt. (Project Syndicate, Übersetzung: H. Klinger-Groier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.5.2005)

Zur Person

Jeffrey D. Sachs ist Professor für Wirtschafts­wissenschaften und Leiter des Earth Institute, Columbia University, New York.
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