Ewiges Leben garantiert

21. Mai 2005, 20:19
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Österreichische (Ko)produktionen reüssieren in Cannes - Auch der Nachwuchs schläft nicht

Cannes - Weiterhin wird Michael Hanekes Thriller Caché zum Favoritenkreis für die am Samstagabend verliehene Goldene Palme der 58. Filmfestspiele in Cannes gezählt. Ob der Film der Jury um Emir Kusturica tatsächlich preiswürdig scheint, ist für seinen internationalen Erfolg nur noch bedingt von Bedeutung: Die Verleihrechte sind mittlerweile auch in die USA verkauft. Es ist gut möglich, dass Haneke für eine seiner nächsten Produktionen auch amerikanische Beteiligungen akquirieren kann.

Aus österreichischer Sicht kann man nun nur noch erfreut anschließen: Auch der Nachwuchs schläft nicht, selbst wenn die jüngste Produktion der Wiener Firma Coop 99 den Titel Schläfer trägt. Inszeniert und geschrieben wurde diese denkwürdige filmische Novelle zur Verquickung von Liebe, Arbeit und Politik vom deutschen Filmemacher Benjamin Heisenberg - und er findet für ein fast schon reißerisches Ausgangsthema denkbar unspekulative, intelligente Weiterentwicklungen.

In einem Biolabor soll einer der algerischen Topchemiker (Mehdi Nabbou) ein verkappter Terrorist sein. Ein Kollege (Bastian Trost), frisch engagiert und durchaus ehrgeizig, lässt sich widerwillig dazu überreden, ihn zu bespitzeln. Dass die beiden Männer Freunde, dann aber auch in Liebesfragen Rivalen werden, nimmt Heisenberg zum Anlass für Szenen aus einem deutschen Alltag, in dem offenbar nicht nur "Verdächtige" ständig observiert werden. Auf den Leistungsdruck folgen "entspannende" Ego-Shooter-Spiele am PC, dabei verliert man sich zunehmend selbst aus den Augen. Es kommt im deutschsprachigen Kino gegenwärtig viel zu selten vor, dass Arbeits- und Lebenswelten so nüchtern und zugleich mit Sinn für prekäre Details porträtiert werden.

Fulminant gestaltete sich auch die Weltpremiere von Instructions for a Light and Sound Machine, dem jüngsten Film des österreichischen Avantgarde-Filmemachers Peter Tscherkassky. Ein einsamer Gringo - Ausgangsmaterial ist Sergio Leones The Good, the Bad and the Ugly - gerät da auf dem Schneidetisch des Filmemachers in ständigen Neu- und Überbelichtungen in den Showdown seines Lebens/Sterbens.

Es ist, als würde sich der Held nicht zuletzt in filmischen Schleifen verfangen, bis er schließlich in einem Reich der Toten, einem fatalen Abspann landet, der ihm doch auch wieder nur "ewiges Leben" garantiert - demnächst wieder im Kino . . . Tscherkassky über seinen Film: "Mein Versuch, einen Italowestern in eine griechische Tragödie zu transformieren." In der Quinzaine des Réalisateurs wurde dieser "Versuch" mit tosendem Applaus gefeiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

Von Claus Philipp aus Cannes
  • Bejubelt: Peter Tscherkasskys Bearbeitung eines Italowesterns.
    foto: sixpack

    Bejubelt: Peter Tscherkasskys Bearbeitung eines Italowesterns.

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