Die Brisanz des Klaus- Bachler- Kabaretts

28. November 2006, 16:45
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Der Schriftsteller Robert Menasse über seine Erfahrungen mit dem Wiener Burgtheater und dessen Noch-Direktor. Ein Stück Österreich.* Mit Epilog

Ich habe vor dreieinhalb Jahren ein Stück abgeliefert, das Bachler bei mir bestellt hatte. Hätte er mir damals sofort gesagt, dass das Stück schlecht sei und er es unmöglich produzieren könne, ich hätte das akzeptiert. Aber Bachler hat fast vier Jahre lang das Gegenteil gesagt. Daher kann ich heute nicht akzeptieren, mit welchen unsinnigen, verlogenen und beleidigenden Begründungen er plötzlich alles für ungültig erklärt, was er selbst vier Jahre lang behauptet hat. 

Ich beziehe mich jetzt nur auf Sätze, die er mir über die Medien ausrichten lässt: Bachler sagt, dass das Stück vor drei oder vier Jahren "brisant gewesen wäre, heute aber hat es seine Brisanz verloren!" - Mit anderen Worten: Vor drei Jahren wollte Bachler das Stück nicht machen, weil es brisant war. Heute kann er es nicht machen, weil es nicht mehr brisant ist. Bachler meint, das Stück habe seine Brisanz verloren, weil "sich die politische Situation seither geändert" habe. Mit anderen Worten, Bachler meint, man könne am Burgtheater nur Stücke spielen, die mit der je aktuellen politischen Situation übereinstimmen (ausgenommen natürlich, das Stück ist zu "brisant") - wie erklärt Bachler dann, dass er Stücke auf den Spielplan setzt, die im zaristischen Russland oder in der indischen Frühgeschichte oder im englischen Spätmittelalter oder im Wiener Biedermeier spielen?

Wie konnte ein Mensch Theaterdirektor werden, der einen solchen Unsinn über "Brisanz" und "Aktualität" von Stücken sagt - und sogar auf Nachfrage wiederholt? Bachler gab auf Nachfrage immer wieder bekannt, dass mein Stück "in Österreich spielt". Und in letzter Zeit fügte er hinzu, dass es "sehr kabarettistisch" sei.

Mein Stück spielt in Dänemark. Weil Dänemark auf der literarischen Landkarte der Staat ist, in dem etwas faul ist. Es gibt elf Figuren. Sie haben die Namen der elf dänischen Fußballspieler, die Europameister geworden sind. Das sollte genügen, um klar zu machen, dass es um europäische Probleme geht, etwa darum, wie lächerlich und trübsinnig und verkommen und auch wieder bemitleidenswert die politischen Eliten in ihren Nationalstaaten jeweils sein müssen, um bei dem großen Demokratietheater mitspielen zu können, das auf der europäischen Bühne gegeben wird.

Mit anderen Worten, das Stück setzt sich mit einer Frage auseinander, die gerade jetzt (siehe EU-Verfassungsdiskussion) besonders aktuell ist und lediglich in Österreich kaum diskutiert wird - aber Bachler meint, es spielt in Österreich und sei nicht mehr "brisant". Allerdings meint er, es sei "kabarettistisch": Mein Stück streifte nur ein einziges Mal kurz am Kabarettistischen an - das war der Moment, als Burg-Chefdramaturg Wolfgang Wiens mit meinem Stück in Händen mir "das Theater" erklärte.

Würden sämtliche Kabarettisten gemeinsam von einem "Chefdramaturgen" träumen, es würde Wiens entstehen. Er sagte: "Im Theaterbetrieb ist der Autor ein Störenfried. Außer er ist tot. Dann kann man arbeiten!" Er sagte: "Monologe gehen heute nicht mehr. Modernes Theater und Monologe - der größte Widerspruch! Und entschuldigen Sie mich, ich muss jetzt zur Bernhard-Probe!" Er sagte: "Vieles wäre leichter, könnte man auch mit toten Schauspielern arbeiten. Andererseits: Die jungen heute gefallen mir, die sind quasi tot. Sehr brav. Sagen auf und gehen heim. So kann man arbeiten, da tun sich Räume auf!" Nun sind aber diese Szenen nicht Bestandteil meines Stücks. Aber Bachler meint, es sei kabarettistisch . . .

Bachler sagte jahrelang, dass er keinen Regisseur für mein Stück fände. Wir beide saßen zum Beispiel monatelang daumendrückend da und warteten auf die Antwort von Martin Kusej. Bachler hielt mich auf dem Laufenden: Alle paar Wochen berichtete er: "Noch immer keine Antwort von Kusej!" So ging das ein halbes Jahr. Bis Bachler mir mitteilen musste: Kusej habe abgesagt.

Blöderweise ist das reale Leben auch ein Theater. Drei Tage später lernte ich zufällig Kusej in Salzburg kennen - er hat mein Stück von Bachler nie zugeschickt bekommen, ist von ihm nie diesbezüglich angefragt worden. Bachler hat gelogen. Er hat den Charme von Christopher Lee in der Rolle von Dracula, der anderen ihre Lebenszeit absaugt, mit dem verlogenen Charme des Grafen, der in Wirklichkeit ein B-Movie-Schauspieler ist. Ein ehemaliger Schauspieler gibt heute in der Regierung den Kunststaatssekretär, und ein anderer ehemaliger Schauspieler gibt den Staatstheaterprinzipal. Das ist Österreich.

Als Bachler nicht mehr behaupten konnte, dass er keinen Regisseur finde, hatte er Einwände gegen alle Regisseure, die sich fanden, die sich für das Stück engagierten. Über Sabine Mitterecker: "Der ist ja Linz zu groß!", Paulus Manker: "Ein Irrer!" Über Klaus Maria Brandauer: "Ein grottenschlechter Regisseur, peinlich!" - Ich weiß um die "Freundschaft" zwischen Bachler und Brandauer, deshalb ist es mir so wichtig, dass Brandauer das weiß: Klaus, du bist "ein grottenschlechter Regisseur!"

Sagt Bachler dir das auch? Nein? Ich werde nicht aufhören, auf Bachler angesprochen, sofort und immer wieder zu sagen, was er grundsätzlich ist: ein gottverdammter notorischer (. . .). Als Bachler jedenfalls nicht mehr behaupten konnte, dass es keinen Regisseur für das Stück gebe, wurde es vollends surreal: Nun behauptete Bachler, er fände keinen Schauspieler, der da eine Rolle übernehmen möchte. Unmöglich, eine Besetzungsliste zu machen, alle Schauspieler weigerten sich.

Er, der Herr Direktor mit gewinnendem Lächeln, wollte ja unbedingt, aber leider, die Schauspieler, der Herr Simonischek und der Herr Kirchner, und alle anderen, sie weigern sich einfach . . . Auf Nachfrage sagten alle genannten Schauspieler, dass sie nie von Bachler oder Wiens eine Rolle in meinem Stück angeboten bekommen hatten.

Nun dachte ich zurück an Bachlers Karriere - und seltsam: Mir fiel nicht ein einziger Vertrag ein, den er erfüllt hätte. Hat er jemals einen Vertrag, den er unterschrieben hatte, bis zum Ende erfüllt? Bei der Volksoper? Den Festwochen? Jetzt beim Burgtheater? Er unterschreibt und ist schon auf der Suche nach einem Notausgang. Was ist das für ein Mensch? Man müsste Schüssel fragen, der ja auch nie eine "Periode" ganz durchhält . . . Wir müssen aber auch kein Mitleid mit München haben - jetzt wollen sie Bachler, und wenn sie draufkommen, was sie mit ihm haben, ist er schon wieder weg.

"Bin schon weg. Bin aber auch noch da. Und wenn ich mich aufspalten muss!" Woher kenne ich das? Ach ja, Österreich, Kabarett, keine Brisanz! - Nur: Mit meinem Stück hat das alles nichts zu tun! Das ist bloß das Problem der österreichischen Kabarett-Brisanz von Klaus Bachler. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

*Gekürzte Wiedergabe einer Stellungnahme gegenüber ORF Online (vollständige Fassung: http://orf.at) Epilog von Antonio Fian: Robert Menasse sieht Millionenshow

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