Robert Menasse sieht Millionenshow

21. Mai 2005, 16:45
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Atelier. In einem Ohrensessel, Rücken zum Publikum, der Schriftsteller Robert Menasse. Ihm gegenüber ein Großbildfernseher...

... Millionenshow. Auf dem Bildschirm der Moderator Assinger und die Kandidatin Mag. Trutzbrandner.

ASSINGER: Frau Magister ... 15.000 Euro ... Das brisante, Komplikationen verheißende, vom Wiener Burgtheater endgültig abgelehnte Auftragsstück "Paradies der Ungeliebten", das von einem konservativen Vizekanzler handelt, der seine Seele für den Kanzlerposten an den Naziteufel verschachert, von einem als Kunstminister verkleideten Schmierenschauspieler und von desperaten Linken, die ein Attentat auf einen rechtspopulistischen Parteiführer planen, stammt von A: Gerhard Haderer, B: Robert Menasse, C: Franzobel, D: Gerhard Roth.

MENASSE: Das ist leicht.

TRUTZBRANDNER (überlegend): "Paradies der Ungeliebten", hm ... Also, Haderer würde ich ausschließen ... Brisant, Komplikationen, das passt zwar, aber Haderer ist doch mehr ein Zeichner, nicht? Diese Jesus-Geschichte. Mit dem Weihrauch.

ASSINGER: Und mit die Surfbrettln.

TRUTZBRANDNER: Wo die Griechen böse waren, nicht?

ASSINGER: Mit die Surfbrettln, ja.

TRUTZBRANDNER (überlegt weiter): Menasse ... Habe ich gelesen "Vertreibung aus der Hölle"...

ASSINGER: Lesen Sie vül, Frau Magister?

TRUTZBRANDNER: Ich lese sehr vü-... sehr viel. (Überlegt:) Hölle ... Paradies ...

MENASSE: Na, sag's schon!

TRUTZBRANDNER: Also dass ein gescheiter Mensch wie der Menasse so einfallslos ist, dass er gleich nach der Hölle das Paradies ... Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

MENASSE: Blöde Kuh.

TRUTZBRANDNER: Schmierenschauspieler, Naziteufel... In ein Franzobel-Stück würde das passen ... Aber abgelehnt, nein... Vom Franzobel wird eigentlich alles aufgeführt ... Außerdem würde bei Franzobel auf jeden Fall ein Finanzminister mit seinen Mätressen vorkommen.

MENASSE (zu sich): Ein Finanzminister mit seinen Mätressen ... Das ist nicht blöd.

TRUTZBRANDNER (plötzlich sicher): Nein, ich nehme D, Gerhard Roth.

ASSINGER: D, Gerhard Roth? Auf amol?

TRUTZBRANDNER: Ja. Ich kenne "Der See", da gibt es auch eine Art Attentat auf einen rechtspopulistischen Politiker, und die Schriftsteller schreiben ja immer von sich selber ab, nicht?

ASSINGER: D. Gerhard Roth?

TRUTZBRANDNER (nickt): D, Gerhard Roth.

ASSINGER: Sie sein sich gonz sicher?

TRUTZBRANDNER (nickt): D, Gerhard – (Menasse ist aufgestanden, hat den Fernseher abgedreht und geht nun in Gedanken versunken im Atelier auf und ab.)

MENASSE (zu sich): Ein Finanzminister mit seinen Mätressen ... Genau ... Ein Vizekanzler, der seine Seele an den Naziteufel verschachert und ein Finanzminister mit seinen Mätressen, das ist großartig ... (Er bleibt stehen. Auflachend:) Der wird sich noch in Orsch beißen, der Bachler!

(Vorhang)

Material: "Kein ,Burg‘-Debüt für Schüssel", News 19/05

(DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.05.2005)

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