Menschenhandel boomt weiter

24. Mai 2005, 10:31
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Zahl der Fälle von Menschenhandel in Österreich in zwei Jahren mehr als verdreifacht

Wien – Versprochen werden ihnen Jobs als Kellnerinnen oder Kindermädchen, die Reise endet dann in einem Geheimbordell, wo die Freier Schlange stehen: die Opfer von Menschenhandel, zu 99 Prozent Frauen. Der österreichischen Exekutive macht das Delikt immer mehr zu schaffen. Im vergangenen Jahr sind in Österreich 238 derartige Fälle angezeigt und alle bis auf zwei geklärt worden. Im Jahr 2002 waren es erst 70 Fälle, erklärt Gerhard Joszt vom Bundeskriminalamt (BK).

Laut UNO ist Menschenhandel zusammen mit Schlepperei weltweit bereits die drittwichtigste Einkommensquelle der organisierten Kriminalität. Die Banden locken die Frauen mit falschen Versprechungen ins Land, persönliche Dokumente werden ihnen nach der Ankunft von den Menschenhändlern abgenommen.

Knechtschaft

Vom Geld der Freier sehen die Frauen wenig oder nichts, da sie damit angebliche Schulden abzahlen müssen. "Da werden den Opfern zum Beispiel 2000 Euro an Visumkosten oder 5000 Euro für den Transport in Rechnung gestellt – und dazu noch Aufwendungen für die Unterkunft", erklärt Joszt. In Summe können so durchaus 15.000 bis 20.000 Euro zusammenkommen. "Die Frauen werden sozusagen in Schuldknechtschaft gehalten", schildert er.

Bei den Betroffenen handelt es sich überwiegend um junge Osteuropäerinnen. Von 337 Opfern, die 2004 ermittelt wurden, kamen nach Angaben des Kriminalisten 129 aus Rumänien, 57 aus Bulgarien, 46 aus Weißrussland und 48 aus Ungarn.

"Zeuginnen"

Angeworben werden die Frauen in ihren Heimatländern von Organisationen, die sich als seriöse Vermittlungsagenturen oder Reisebüros tarnen. Bemühungen, über das Risiko aufzuklären, fruchten wenig: Zu groß ist die Armut in den betroffenen Staaten, dazu fungieren oft Frauen als "Zeuginnen", wie leicht das Geld verdienen im Ausland funktioniert.

Bei Bedarf an Prostituierten können Zuhälter in Österreich dort direkt "bestellen". Oder es handelt sich um eine professionelle Organisation, die vom Anwerben der Frauen über die Beschaffung gefälschter Visa über den Transport bis zu ihrer "Unterbringung" inklusive allfälliger Versorgung mit Drogen sämtliche Teilbereiche selbst übernehmen – wobei strikt arbeitsteilig vorgegangen wird.

Laut Joszt gibt es in Österreich "drei bis vier" derartige professionelle Organisationen. Details nennt der BK-Beamte aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Man sei aber auf dem richtigen Weg: "Die Tatsache, dass wir 2004 erstmals mehr mutmaßliche Täter als Opfer hatten, zeigt, dass wir auf der richtigen Seite ermitteln", meint der Beamte dazu.

Hohe Dunkelziffer

Wie viele Opfer des Frauenhandels zur Prostitution gezwungen werden, kann nicht einmal schätzungsweise gesagt werden. Im Bundeskriminalamt geht man von einer hohen Dunkelziffer aus. An legalen Bordellbetrieben gibt es in Österreich rund 700, dazu 3500 registrierte Prostituierte. Neben sexueller Ausbeutung wird aber auch die Arbeitskraft ausgebeutet. "Das ist ein Thema, das uns in Zukunft beschäftigen wird", ist Joszt überzeugt. (APA, moe, DER STANDARD Printausgabe, 21.05.2005)

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    foto: epa/narendra shrestha
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