Israel: Waffenruhe wird brüchiger

22. Mai 2005, 17:30
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Nach einem Raketenangriff erschossen israelische Soldaten am Freitag einen palästinensischen Extremisten

Beinahe scheinen Israelis und Palästinenser schon wieder in jener deprimierenden Lage zu sein, wie sie vor der im Februar vereinbarten "Waffenruhe" herrschte. Freitagfrüh kam es im Gazastreifen zu einem längeren Feuergefecht, nachdem drei Palästinenser die nahe jüdische Siedlung Kfar Darom mit Panzerabwehrkanonen unter Beschuss genommen hatten. Ein mutmaßlicher Hamas-Mann wurde getötet.

In den letzten drei Tagen haben Palästinenser dutzende Mörsergranaten und Kassam- Raketen auf Siedlungen im Gazastreifen und auf das grenznahe israelische Städtchen Sderot abgefeuert, im gleichen Zeitraum sind drei Palästinenser getötet worden, einer davon durch eine Rakete aus einem unbemannten israelischen Flugzeug.

Nach israelischen Angaben handelte es sich durchwegs um bewaffnete Extremisten, die an Angriffen beteiligt waren. Die Schuldzuweisungen folgen einem altbekannten Muster: Während die Hamas von "Widerstand" und Rache für ihre Toten spricht, forderte Juval Steinitz vom rechten Likud-Flügel eine große Militäroperation zur Ausschaltung der palästinensischen Raketenwerferkommandos.

Auf der politischen Ebene beklagen die Palästinenser, dass jene versprochenen Gesten ausbleiben, durch die Israel die Autorität von Autonomiechef Mahmoud Abbas stärken sollte, während die Israelis der palästinensischen Polizei vorwerfen, dass sie "diesen Terroristen erlaubt, bei Tageslicht und vor ihrer Nase zu operieren".

Trotz aller Drohgebärden sind aber Bemühungen angelaufen, die Krise zu entschärfen. Einem Bericht der israelischen Tageszeitung Haaretz zufolge hat Premier Ariel Sharon gegen den Rat des Inlandsgeheimdiensts einen Plan gebilligt, noch in diesem Monat weitere 400 palästinensische Häftlinge freizugeben und nach Europa abgeschobene radikale Palästinenser zurückkehren zu lassen.

Besuch in Washington

Für Abbas wäre es besonders peinlich, nächste Woche bei seinem ersten Washington-Besuch seit seiner Wahl den Eindruck völliger Hilflosigkeit zu erwecken, doch die Islamisten scheinen Abbas gerade jetzt zeigen zu wollen, wer im Gazastreifen der Herr im Haus ist.

Die Hamas-Führung ist aufgebracht, weil Teilergebnisse der letzten Kommunalwahlen annulliert wurden. Eine weitere Eskalation der Gewalt, heißt es jetzt in Israel, könnte sogar den für den Sommer geplanten Abzug aus dem Gazastreifen gefährden. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2005)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv

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Haaretz

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