EU-Budget funktioniert wie die Kaffeekasse eines Studentenheims

12. Juli 2005, 15:31
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Alle fühlen sich unterversorgt - Keiner will mehr einzahlen - Von Thomas Karabaczek

Wer jemals in einem Studentenheim gelebt hat, kennt das Problem mit der Kaffeekasse: Man zahlt in einen gemeinsamen Topf ein und alle anderen nehmen sich dann viel mehr als ihnen zusteht. Das spürt man ganz genau. In der gleichen Falle sitzen die EU-Länder bei der Erstellung des Budgets der Union.

Kompliziert wird es vor allem, weil die Europäische Wohngemeinschaft auch noch sozial sein will. Denn hier zahlen alle Mitglieder, die ärmsten wie die reichsten, etwa ein Prozent ihres Einkommens in die gemeinsame Kasse ein. Aber die ärmeren dürfen sich dann daraus kräftiger bedienen als die reichen. Dadurch bekommen die Armen mehr heraus als sie vorher eingezahlt hatten. Sie haben daher ein Interesse, die Kaffeekasse möglichst aufzustocken. Die wohlhabenderen fühlen sich - bei allem sozialen Engagement - ausgenützt.

Die Geschäfte des reichen Onkels Deutschland, der bisher das Studentenheim Europa kräftig finanzierte, ohne so genau zu schauen, wie viel Kaffee und Kuchen er dafür bekam, gehen aber derzeit schlecht. Er will daher nicht mehr für die Eskapaden der anderen bezahlen. Das inzwischen recht wohlhabende Mitglied Großbritannien trinkt lieber Tee und bekommt daher einen Teil seines Beitrags zur Kaffeekasse zurück. Durch den Anbau von zehn Zimmern mit armen Insassen gibt es außerdem mehr Kaffeetrinker als früher.

In den kommenden Wochen versuchen die EU-Länder nun für die Jahre 2007 bis 2013 festzulegen, welchen Anteil ihres Einkommens sie in die Gemeinschaftskasse einzahlen wollen und wie viele Stück Kuchen sich dann jeder nehmen darf. Wie in der Wohngemeinschaft gilt das Ziel: Möglichst wenig einzahlen aber möglichst viel Kuchen essen. Immerhin einen Vorteil haben sie: Sie müssen nicht streiten, wer nachher abwäscht.

Thomas Karabaczek ist Brüssel Korrespondent der APA
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