Kinderpause nach Plan

20. Mai 2005, 19:22
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"Die Verdienstgrenze für Kindergeld muss fallen": ÖAAB-Frauenchefin Gertrude Brinek im STANDARD-Gespräch

ÖAAB-Frauenchefin Gertrude Brinek fordert eine Reform des Kinderbetreuungsgeldes: "Die Zuverdienstgrenze muss fallen", sagt die VP-Politikerin im STANDARD-Gespräch. Derzeit dürfen 14.500 Euro pro Jahr dazuverdient werden zu den 435 Euro Kindergeld pro Monat, das bis zu drei Jahre bezogen werden kann, wenn beide Elternteile in Elternkarenz gehen.

Brinek warnt auch vor prekären Nebenwirkungen eines langen Kindergeldbezuges: "Einkommensentfall, Karriereeinbruch, deutliche Pensionsverluste." Frauen müssten den Berufswiedereinstieg schon vor dem Ausstieg genauer planen.

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Wien - "Die Zuverdienstgrenze muss fallen." Für ÖAAB-Frauenchefin und VP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek ist die Bruchstelle des Kinderbetreuungsgeldes, an der die erste Reparatur notwendig wird, klar identifizierbar. Als Alternative zum Wegfall der Zuverdienstgrenze (14.500 Euro im Jahr) ist für Brinek der Vorschlag der Arbeiterkammer (und der SPÖ) "diskutierenswert", die Gesamtkindergeldsumme in einer kürzeren Zeitspanne in entsprechend höheren Tranchen auszubezahlen, sagt Brinek im STANDARD-Gespräch.

Derzeit beträgt das Kindergeld 435 Euro im Monat und kann bis zu drei Jahre bezogen werden, wenn auch der Vater (im April drei Prozent) eine Berufspause für das Kind einlegt. Wer zu viel dazuverdient, verliert das Kindergeld. Einer Studie der Arbeiterkammer zufolge wollen auch 83 Prozent der Kindergeldbezieherinnen mehr Freiheit bei Zuverdienst und Bezugsdauer.

Was, wenn Mama alt ist

Brinek kritisiert die hohen Administrationskosten für die Kontrolle der Zuverdienstgrenze, vor allem aber prekäre langfristige Nebenwirkungen der jetzigen Konstruktion des Kindergeldes für die Frauen: "Es hat zu Sorglosigkeit im Zusammenhang mit der Entscheidung zum Berufswiedereinstieg geführt. Man lässt sich verführen, diese Entscheidung weniger bewusst und später zu treffen. Aber berufliche Schlüsselentscheidungen für eine Karriere sind meist genau in der Kinderphase zu treffen. Das muss besser geplant werden." Denn der kurzfristige, verlockende Geldbezug könne die Frauen langfristig teuer zu stehen kommen - als "Einkommensentfall, Karriereeinbruch, deutliche Pensionsverluste".

Brinek plädiert daher für Kinderpause nach Plan. Noch vor dem Ausstieg sollten die Frauen im Betrieb in einem "Mitarbeitergespräch mit Checkliste klären, was ihre Absicht ist, die Zeit strukturieren und mit dem Chef oder der Chefin die weitere Karriere organisieren." Das stärke nicht nur die Bindung an den Betrieb, sondern erleichtere auch den Wiedereinstieg.

Auch IHS-Arbeitsmarktexpertin Angela Wroblewski sagt, das Kindergeld biete "Anreize, die Berufstätigkeit länger zu unterbrechen, die langfristig für die Frauen problematisch sind. Es fehlt an Maßnahmen, die das Parallele von Beruf und Familie unterstützen und das Entweder-oder vermeiden." Es fehlten noch immer qualifizierte Teilzeitjobs etwa im Management sowie Anreize für Männer. "Eine Aufhebung der Zuverdienstgrenze hätte da sicher einen Effekt", so Wroblewski.

Es sei aber vor allem mit einer zunehmenden "Polarisierung der Arbeitsmarktchancen zwischen Müttern und kinderlosen, vor allem hoch qualifizierten Frauen am Arbeitsmarkt zu rechnen. Für Frauen mit Kinder wird Berufstätigkeit - solange die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht wirklich unterstützt wird - schwierig bleiben. Das Kinderbetreuungsgeld war da offensichtlich zu wenig", sagt Wroblewski.

Das Sozialministerium will in zwei Wochen einen Zwischenbericht der Kindergeld-Evaluierung vorlegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5. 2005)

Lisa Nimmervoll
  • Vor prekären Langzeitfolgen des Kindergeldes warnt ÖAAB-Frauenchefin Gertrude Brinek (VP). Berufstätige Frauen sollten die Kinderpause viel systematischer planen, die Zuverdienstgrenze zum Kindergeld müsse weg, so Brinek. Mehr Hilfe für Vereinbarkeit fordert eine IHS-Expertin.
    foto: standard/hendrich
    Vor prekären Langzeitfolgen des Kindergeldes warnt ÖAAB-Frauenchefin Gertrude Brinek (VP). Berufstätige Frauen sollten die Kinderpause viel systematischer planen, die Zuverdienstgrenze zum Kindergeld müsse weg, so Brinek. Mehr Hilfe für Vereinbarkeit fordert eine IHS-Expertin.
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