Kopf des Tages: Diktator, Clanchef und Verbündeter

19. Mai 2005, 18:55
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Islam Karimow: "Selbst mit dem Teufel" bereit zu kooperieren, "wenn es nur dem Staat nützt"

Hätte sich nicht zum Despoten gewandelt, manche würden ihn heute als Pionier im Kampf gegen Terrorismus und religiösen Fundamentalismus feiern. Mindestens zehn Jahre, bevor der Kampf gegen islamistischen Terror zum Leitmotiv internationaler Politik wurde, hat Islam Karimow es zu seinem gemacht.

"Sicherheit ist die Grundlage aller Bedingungen", rief der usbekische Präsident Anfang der 90er-Jahre die Staatschefs der Exsowjetunion zum Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus auf. Als erster Sekretär der Kommunisten in Usbekistan ab 1989 wusste er um das explosive Nationalitätengemisch: "Unsere Flüsse werden sich mit dem Blut unserer Menschen füllen", warnte der 1938 in Samarkand geborene und in einem Waisenhaus aufgewachsene Karimow vor dem Ende der Großmacht.

Dann wenigstens ein starkes Usbekistan, schwor er sich, als er 1991 Präsident wurde: "Selbst mit dem Teufel" sei er zu kooperieren bereit, "wenn es nur dem Staat nützt". Genützt hat es seinem Clan. In 15 Jahren Regierung ging der verheiratete Vater zweier Töchter den Weg der meisten postkommunistischen Staatsmänner: Die Hauptstadt Taschkent kontrolliert die Familie. Eine Tochter herrscht über ein weit verzweigtes Firmenkonglomerat. Die Geldflüsse, die die Blutsverwandtschaft nicht absorbiert, versickern in den Taschen der engeren Freunde.

Lukrativ sind das Baumwollgeschäft und Schmiergelder für den Markteintritt: Mercedes-Benz etwa lieferte 1994 acht Prozent von einer Vertragssumme über 100 Millionen Mark (50 Mio. Euro) ab.

Ein weiser Staatsmann, ein harter Pragmatiker oder doch ein Diktator? Die internationale Diplomatie ist verlegen - spätestens seit der studierte Ökonom, der seit den 60er-Jahren Vizechef der staatlichen Planungsbehörde Gosplan war, nach dem 11. September 2001 den USA und Deutschland Basen für die Truppenversorgung in Afghanistan bereitgestellt hat.

Goutiert wird, dass Karimow den Fundamentalismus nicht groß werden ließ. Unter diesem Stichwort aber unterdrückte er jegliche Opposition mit brutaler Entschlossenheit: Amnesty International zählt 8000 politische Gefangene, Folter ist gang und gäbe, Meinungsfreiheit nicht gegeben. Die Opposition wird zu den Wahlsimulationen gar nicht erst zugelassen, stattdessen wird Karimows Macht mit einem engmaschigen Geheimdienstnetz gesichert.

Selbst dem eigenen Kind würde er den Kopf abreißen, wenn es den Frieden im Staat störe, meinte er 1999 als Reaktion auf einen islamistischen Bombenanschlag. 2004 folgten mehrere Anschläge, seit Ende voriger Woche rumort es im Osten des Landes. Karimow machte sich nochmals die Gewalt zum Verbündeten und ließ über 700 Demonstranten niederstrecken.

(DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2005)

Von Eduard Steiner
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    Islam Karimow (67), Präsident der zentralasiatischen Republik Usbekistan.

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