USA in der Defensive

19. Mai 2005, 18:42
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Der von US-Politikern viel akklamierte Aufbau der irakischen Sicherheitskräfte ist eines der größten Probleme - von Gudrun Harrer

Es ist längst sinnlos geworden, die täglichen Gewaltakte im Irak aufzeichnen zu wollen; auch die jüngsten, vor zwei Tagen auf einer Abfallhalde gefundenen Opfer - insgesamt waren es mehr als vierzig Leichen - werden nur mehr am Rande zur Kenntnis genommen, wenn überhaupt. Dabei eröffnet der Fall eine neue Dimension: Erstmals wird über die neuen irakischen Sicherheitskräfte behauptet, dass sie foltern und morden, und zwar taucht dieser Vorwurf noch dazu in einem konfessionellen Zusammenhang auf. Schiitische Polizisten sollen Sunniten getötet haben - während terroristische Angriffe von sunnitischen Djihadisten sich ja häufig gezielt gegen Schiiten richten.

Der von US-Politikern viel akklamierte Aufbau der irakischen Sicherheitskräfte, Polizei und Armee, ist, wie an dieser Stelle schon mehrmals geschrieben, eines der größten Probleme, wie nun gleich mehrere hochrangige US-Militärs zugegeben haben. Sie hatten, wie es in der New York Times heißt, den Besuch von US-Außenministerin Condoleezza Rice in Bagdad zum Anlass genommen, "ihre eigene Note von Realismus in die öffentliche Debatte" über die Zustände im Irak zu bringen. Zu diesem Realismus gehört es auch, dass General John Abizaid - immerhin der Oberkommandierende der US-Truppen im Nahen Osten - sagt, dass es "auch noch schief gehen könnte".

Das ist schwer vorstellbar: Irgendwann wird sich der Aufstand wohl totlaufen, dessen Taktiken zum Teil, wie aus einem Bericht des Washingtoner CSIS (Center for Strategic and International Studies) hervorgeht, logistisch schlüssig, sogar raffiniert sind, dessen strategisches Ziel aber unklar ist. Bis dahin kann die Zeit aber noch lang werden. Wenn man hört, dass es sich bei der jüngsten, von den USA als solchen deklarierten "Offensive" in der Provinz Anbar in Wahrheit um eine Reaktion auf schwere, militärisch organisierte Angriffe auf US-Truppen gehandelt hat, läuft es einem kalt über den Rücken. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2005)

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