Studie: Hinrichtungen erfolgen willkürlich

24. Mai 2005, 11:30
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Zeit zwischen Verurteilung und Exekution kaum von Art des Verbrechens abhängig

Washington - Eine neue wissenschaftliche Untersuchung legt die Vermutung nahe, dass in den USA die Frage, wie schnell ein zum Tod Verurteilter hingerichtet wird, kaum von der Art des Verbrechens abhängt. "Wenn man eine Maschine hat, die vorhersagen kann, ob ein Mensch stirbt oder nicht, und die zugrunde liegenden Faktoren haben rein gar nichts mit dem eigentlichen Verbrechen zu tun, dann haben wir ein willkürliches Tötungssystem", fasst es der US-Kriminologe Dee Wood Harper zusammen.

Harper wollte der Frage nachgehen, weshalb manche Mörder in den USA jahrelang in der Todeszelle sitzen, während andere kurz nach dem Urteil hingerichtet werden. Gemeinsam mit einem Kollegen, der Computer programmiert, gab er die Merkmale von tausend Fällen aus den vergangenen drei Jahrzehnten in den Rechner ein: zu jedem Verurteilten 19 Merkmale, unter anderem Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsstand und Wohnort. Die Art des Verbrechens wurde dagegen nur allgemein formuliert. Erstaunlicherweise gab das Programm in neun von zehn Fällen richtig an, ob das Todesurteil vollstreckt wurde oder nicht - ohne Angaben darüber, welches Verbrechen der Verurteilte genau begangen hatte und was die Verteidiger zu seiner Entlastung vorgebracht hatten.

Die Untersuchung dürfte den Gegnern der Todesstrafe in die Hände spielen, die immer wieder kritisieren, dass die Strafe ungleichmäßig angewendet werde: So werde ein Mörder im konservativen US-Staat Texas viel schneller hingerichtet als im liberalen Kalifornien.

Befürworter der Todesstrafe versuchen aber bereits, die Bedeutung der Studie herunterzuspielen. "Es gibt wohltätige Programme zur Lebensmittelverteilung, bei denen viele Betroffene leer ausgehen, weil die Führungsriege bestechlich ist", zieht Michael Rushford von der Stiftung für Strafjustiz in Sacramento einen verblüffenden Vergleich. "Das beweist aber nicht, dass die Verteilung von Lebensmitteln an sich ungerecht ist." (AFP/Stephen Collinson/ DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2005)

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