The Honeymoon is Over

19. Mai 2005, 17:01
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Die Brüskierung Österreichs durch die USA hat System - Kommentar der anderen von Hans Magenschab

Die Brüskierung Österreichs durch die USA, zu den Staatsvertragsfeiern nur einen ehemaligen Senator zu entsenden, erklärt sich nicht nur durch mangelndes diplomatisches Fingerspitzengefühl, sondern steht in der Tradition einer österreichkritischen Haltung.

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Die Entsendung eines seit 15 Jahren nicht mehr wiedergewählten US- Senators aus Minnesota als Vertreter der USA bei den Staatsvertragsfeiern war zwar keine "Beleidigung" Österreichs – aber eine Brüskierung gegenüber Regierung und Öffentlichkeit allemal.

Man hat den Eindruck, im State Department habe irgendwer darüber nachgedacht, wie man die – sich zugegebenermaßen ausgiebig selbstbejubelnden – Österreicher am besten ärgern könnte. Und ist dabei auf den in Berlin geborenen, außenpolitisch unbedarften Inhabers einer Holzhandelsfirma gestoßen, der ansonsten mit fundamentalistischem Eifer für George W. Bushs Wahlkampf Geld gesammelt hat.

Aber das wäre zu einfach: Rudy Buschwitz' Vertretung war in Wahrheit ein Zeichen tief sitzender Entfremdung und Signal dafür, dass jetzt höchste Zeit für eine österreichische Offensive angesagt ist, die Bundespräsident, Kanzler und Außenministerin einleiten müssen. Der Eklat hat mehrere Hintergründe: Natürlich ist das neutrale, nicht zur Nato gehörige Österreich heute für die USA eine Quantité négligeable ohne irgendwelche geostrategische Bedeutung. Das Alpenländchen ist aus Washingtoner Sicht nur ein Hemmnis beim Überfliegen, ansonsten aber so^wieso von Nato-Staaten umgeben – und in Brüssel durch die EU ruhig gestellt.

Dass jeder Reiseplan der beiden letzten US-Präsidenten exakt an Österreich vorbeiführte, zeigt deutlich, was man außerdem von Reisediplomatie hält. Natürlich hängt das alles mit dem Irak- Konflikt zusammen. Und Revanche ist angesagt, nachdem sich die österreichische Staatsspitze vor zwei Jahren ganz besonders wortgewaltig zur US-Invasion in den Irak geäußert hatte.

Als dann George W. Bush auch noch das Diktum von der "Achse des Bösen" für die Nachbarn des Irak losgelassen hatte, reiste Bundespräsident Thomas Klestil 2004 demonstrativ nach Teheran und lud überdies den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad nach Wien ein.

a war freilich die Zeit des Honeymoons zwischen USA und Austria sowieso schon längst vorbei – eines Honeymoons, der in der Nachkriegszeit im Amerikanismus einer ganzen Generation seinen Anfang nahm und umgekehrt mit der Marshallplan-Hilfe belohnt wurde. Immerhin erhielt Österreich zwischen 1948 und 1952 die damals (pro Kopf) zweithöchste Hilfsleistung unter allen europäischen Ländern.

Honeymoon war auch angesagt, als sich Österreich trotz Neutralität als verlässlicher Partner des Westens im Kalten Krieg erwies, unzählige Ostblockflüchtlinge aufnahm und die CIA Waffenlager anlegen ließ. Honeymoon war noch angesagt, als die Amerikaner Wien zum Treffpunkt für Gipfeltreffen machten – 1961 durch John F. Kennedy und 1979 durch Jimmy Carter; oder auch, als in den 80er-Jahren US-Präsident Ronald Reagan auf dem Rasen des Weißen Hauses einen Lipizzaner als Geschenk der österreichischen Wirtschaft entgegennahm ...

Nun erhalten Äußerlichkeiten in der höheren Diplomatie die Freundschaft; wobei die Amerikaner bei wichtigen Fragen immer schon eiskalt ihre Interessen gegen Lovely Austria durchsetzen konnten: beim seltsamen Ölsaatendiktat beispielsweise, in der Frage der Weitergabe von Hochtechnologie oder im Hinblick auf das österreichische Bankgeheimnis. Vor allem aber war es die Waldheim-Affäre, die sich zu mehr als einer Krise zwischen den beiden Ländern auswuchs, war doch Waldheim – immerhin ein Ex-Außenminister wie amtierender Bundespräsident – mit einem Einreiseverbot in die USA? belegt.

Damit bewirkte Washington allerdings unbewusst einen Nachdenkprozess der Österreicher über ihre Rolle im? Hitlerstaat zwischen 1938 und 1945 – und verstärkte da-? mit zugleich den latenten Antiamerikanismus an den Stammtischen. Angeführt von der Kronen Zeitung, wurde seit Ende der 80er-Jahre nun alles Mögliche im Haus von Uncle Sam zum Feindbild erklärt: die US-Kriminalität und die Todesstrafe, die Coca-Cola- Kultur und das Fastfood, die Umwelt-Ignoranz und das? diskreditierte US-Wahlsystem, die calvinische Bigotterie und der unsoziale Kapitalismus.

Damit freilich führt der Bogen noch weiter in die Vergangenheit hinein. Denn es konnte schon im 19. Jahrhundert kaum einen größeren Gegensatz geben als jenen zwischen der jungen transatlantischen Demokratie und der uralten erstarrten Donaumonarchie. Das Bild von Austria war in den USA in Wahrheit immer negativ, ja, wurde immer düsterer:

Erst ein halbes Jahrhundert nach der amerikanischen Unabhängigkeit erkannte die Donaumonarchie die USA diplomatisch an (1838); umgekehrt unterstützten die Amerikaner ganz offen die jeweils gegen Wien rebellierenden Völkerschaften – so die Norditaliener in den diversen Waffengängen oder 1848/49 die Ungarn unter Lajos Kossuth, dem man in New York sogar einen Empfang wie einem Staatsgast? gab. Die Berichte der US-Zeitungen strotzten dabei von einer beispiellosen Wissensignoranz betreffend die wahren Umstände in Mitteleuropa.

Im Hinblick auf die Stimmen der jeweiligen Einwanderer-Gruppen stellten in der Politpropaganda die US-Politiker den fröhlichen "Melting Pot" in den USA dem finsteren "Völkerkerker" in der Donaumonarchie gegenüber. In derselben Zeit, in der die USA noch die Sklaverei akzeptierten und Völkermord an den Indianern verübten, prangerten die politischen Eliten Amerikas das "schreckliche" Schicksal der um Autonomie streitenden Polen und Tschechen, Slowaken und Südslawen unter dem österreichischen Joch an – wobei "schwarze Legenden" über die Habsburger die Runde machten. Überdies trug die Errichtung eines mexikanischen Kaiserreiches durch den Bruder von Kaiser Franz Joseph nicht zur Verbesserung der Beziehungen bei.

Der Eintritt der USA gegen Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg war danach nur logisch: Kriegsziel der USA war die unwiderrufliche Zerschlagung Österreich-Ungarns ("must be broken up", wie es US-Präsident Woodrow Wilson formulierte). Und danach? Da folgte man in Washington den hasserfüllten Tiraden der hungrigen Emigrantenführer wie Jan Masaryk, ohne z.B. das Sudeten- oder Südtirolproblem in voller Dimension zu begreifen.

Das Bild wäre freilich unvollständig, hätten sich die Österreicher nicht selbst in der jüngeren Zeit ein miserables Image in den USA eingehandelt – und zwar infolge der Berichte über den besonders brutalen Umgang mit den? jüdischen Mitbürgern nach 1938. So musste auch in den USA der Eindruck einstehen, Österreich übe nur auf amerikanischen Druck hin Wiedergutmachung aus.

Und schließlich sollte man sich auch von der Vorstellung verabschieden, dass das massive Engagement der Österreicher im Donau- und Balkanbereich auf ungeteiltes Lob der Amerikaner stoße. Man empfindet in Washington nämlich diese Region nach dem Zerbrechen des Warschauer Paktes ein wenig als "Beute" – vor allem ökonomisch ... (DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2005)

Hans Magenschab ist Journalist und Historiker und war jahrelang Leiter des Presse- und Informationsdienstes der Präsidentschaftskanzlei.
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