"Ich mache mir für die Spiele in Turin große Sorgen"

27. Mai 2005, 14:00
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Olympia-Beauftragter Pesacante will italienisches Anti-Doping-Gesetz aussetzen und Turin "exterritorialen Status" verleihen

Vicenza - Staatsanwälte, Durchsuchungen und Gesetzes-Chaos - die umstrittene Antidoping-Aktion der italienischen Polizei beim Giro d'Italia versetzt Olympia 2006 in Turin in Angst und Schrecken. "Ich mache mir für die Spiele in Turin leider große Sorgen", sagte der Olympia-Beauftragte der italienischen Regierung, Mario Pescante.

Der Staatssekretär fürchtet, dass die durch internationale Dopingregeln nicht gerechtfertigte Polizeiaktion gegen das Radteam Davitamon des dreifachen Etappengewinners Robbie McEwen nur ein Vorgeschmack auf zu erwartende Razzien bei den Winterspielen sein wird. Am Mittwoch beschlagnahmte die Polizei ein Zelt zur Simulierung von Höhentrainings-Effekten und - offenbar legale - Medikamente.

Das italienische Anti-Doping-Gesetz ist schärfer als alle internationalen Dopingregeln und widerspricht teilweise sogar dem Reglement der Internationalen Antidoping-Agentur (WADA). "Hier herrscht Konfusion", klagte Pescante, der vergeblich versucht, das scharfe italienische Zivilrecht mit den Dopingregeln der internationalen Sportverbände in Einklang zu bringen.

Da das Problem nicht gelöst werden kann, versucht es Pescante nun typisch italienisch mit einer fantasievollen Umgehung des Problems. "Ich versuche zu klären, ob man das Gesetz für die Dauer der Spiele aussetzen oder Turin für die Zeit der Spiele eine Art extraterritorialen Status verleihen kann", sagte Pescante am Donnerstag der "La Gazzetta dello Sport".

Bleibt Italiens Anti-Doping-Gesetz unverändert in Kraft, drohen den Spielen Polizeiaktionen wie am Mittwoch im Teamhotel von Davitamon-Lotto. Auf Anordnung von Vicenzas Staatsanwalt Paolo Pecori beschlagnahmten drei Beamte der Gesundheitspolizei (NAS) den von der WADA und dem Internationalen Radsportverband UCI genehmigten Höhentrainingssimulator "AltiTrainer".

Mit dem Gerät kann man den Sauerstoffgehalt in der Atemluft von normal 20 Prozent auf bis zu 10 Prozent reduzieren, was einem Training auf einer Höhe von 5.000 Metern entspricht. Dort produziert der Körper schnell große Mengen an zusätzlichen roten Blutkörperchen, was den Sauerstofftransport in die Muskeln und damit die Leistung des Athleten verbessert.

Für das italienische Anti-Doping-Gesetz 376/2000 ist dies Doping in Form von "künstlicher Steigerung des Anteils roter Blutkörperchen" und gleichzusetzen mit EPO-Blutdoping. Das Gesetz sieht für den Teamarzt Daniele De Neve im Falle einer Verurteilung Haftstrafen von drei Monaten bis hin zu drei Jahren vor.

"Ich benutze den AltiTrainer nicht. Einige in meinem Team aber schon", sagte McEwen. Das Chaos ist perfekt. Die Teams sind verunsichert. Was WADA und UCI erlauben, gilt in Italien als Doping. Staatsanwalt Pecori dagegen setzt seine Ermittlung gemäß der gültigen Gesetzeslage fort und ließ neben dem Höhensimulator vom Mc Ewen-Rennstall beim Team Saunier-Duval auch noch 200 Zucker-Ampullen beschlagnahmen.

Laut Teamarzt Lothar Heinrich sind acht T-Mobile-Fahrer im Besitz dieser Spezialzelte, in denen der Sauerstoffgehalt durch Zuführung von Stickstoff gemindert wird. "Die Fahrer schlafen oder ruhen darin. Das macht aber nur in der Vorbereitung Sinn, im Wettkampf nicht", meinte Heinrich. Jan Ullrich hat in seinem Haus in Scherzingen/Schweiz eine Unterdruckkammer des Berliner Spezialisten Volker Spiegel eingebaut. In ihr trainiert er und erzielt im Prinzip den selben Effekt wie in einem "Alti-Trainer".

Die UCI bekundete am Donnerstag schriftlich ihre Solidarität mit Davitamon und Saunier Duval und sprach sich erneut für "die Harmonisierung der Anti-Doping-Gesetzgebung" aus. Die UCI kündigte Maßnahmen gegen Verantwortliche der "unangemessenen Polizei- Maßnahmen" an und erklärte, dass eine Wiederholung der Situation von 2001 nicht geduldet würde, in der die spektakuläre Razzia während des Giro in San Remo in keiner Relation zu den Ergebnissen der daraus folgenden juristischen Verfahren gestanden hätte. (APA/dpa)

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