"Unkenruf": Dem Neoliberalismus feministisch Einhalt gebieten

24. Mai 2005, 11:12
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Themenkreis Arbeit und Politik bildet den Frauenhetz- Jahresschwerpunkt mit Gesprächsrunden, Vorträgen und Workshops

Seit die Politik zu einem Job wie jeder andere geworden ist - um es mit Hannah Arendt zu sagen - hat sie ihre eigentliche Bestimmung verloren: die politische Teilnahme als Gestaltung der Welt durch die gemeinsame immer wieder zu bestimmende Freiheit der Einzelnen und des Ganzen. Seit unsere Existenz, gar die soziale Daseinsberechtigung, auf die Erwerbsarbeit eingeschrumpft wird, verliert das menschliche Leben seine eigentümliche Bedeutung, nämlich die Freiheit zum Offenen des Handelns und die Freude am Denken.

Hybrider Statthalter von Selbstbestimmung und Freiheit

Um dieser - in neoliberalistischen Unzeiten umsomehr - wuchernden Dynamik feministisch Einhalt zu gebieten, muss viel nach-, mit- und vorgedacht werden. Der Eindruck, dass die gefakete Sprachvernutzung - Liberalismus als hybrider Statthalter von Selbstbestimmung und Freiheit - auch vor den Frauenbewegungen nicht halt gemacht hat, besorgt uns sehr - auch wenn wir selber mit dieser Unversorgtheit zu tun haben. Doch dieses soll nicht verzagt machen. Und nicht in und an einer global funktionierenden Anpassungsmaschinerie teil-z-nehmen, das wäre doch eine Möglichkeit. Am Beginn dieser selbst/kritischen Beschäftigung wider diese Welt als ein Geschäft mit Frauen als überbueschäftigten und unterbezahlten Waren, wollen wir von den konkreten Auswirkungen des uns vor die Nase und in die Zeit gestellten Systems ausgehen. Pre-care. Was für Analysen können wir finden, um die alltäglichen selbst/ausbeuterischen Auswirkungen wie Teilzeit, Versicherung, Armut, Doppelbelastung, Migration als Neosklaverei usw. usw. nicht nur zu erleiden und zu erdulden, sondern zu erkennen und Konsequenzen daraus zu ziehen?

Zu den Veranstaltungen

  • 2.6., 18.30 Uhr: Teil-Zeit-Arbeit: Welcher Teil,welcher Zeit, welcher Arbeit?
    Vortrag und Diskussion
    Gabriele Michalitsch, Ökonomin, Politikwissenschafterin

    35 Prozent aller in Österreich erwerbstätigen Frauen arbeiten Teilzeit; sie stellen damit 85 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten. Teilzeitarbeit erleichtert zwar verstärkte Integration von Frauen in Erwerbsarbeit, verfestigt zugleich aber geschlechtsspezifische Spaltungen des Arbeitsmarkts und ungleiche Verteilung unbezahlter Versorgungsarbeit. Der Vortrag untersucht diese Ambivalenz im Kontext neoliberaler Transformation von Arbeitsmärkten und sozialen Sicherungssystemen und diskutiert notwendige Rahmenbedingungen, soll Teilzeitarbeit einen Beitrag zur Überwindung geschlechtlicher Arbeitsteilung leisten.
    Moderation: Miriam Wischer

  • 3.6., 15.00 Uhr: Prozesse der Prekarisierung: Armut durch Arbeit
    Workshop
    Lisbeth N. Trallori, Soziologin

    Ausgangspunkt dieses Workshops bildet die krisenhaften Entwicklung der "entfesselten" Marktwirtschaft: Millionen von Menschen sind von Sozialdumping, Niedriglöhnen, Teilzeitjobs oder Erwerbslosigkeit betroffen. Was bedeutet dies nun für Frauen in den Ländern des Zentrums, sowie in jenen der Peripherie? In welchem Ausmaß trifft sie die zunehmende Prekarisierung, wie verändern sich ihre Lebenslagen und was sind ihre Gegenstrategien? Welchen Stellenwert hat die weibliche Existenz insgesamt im neoliberalen Projekt? - Das sind die zentralen Fragen.

  • 3.6., 18.30 Uhr: Bringt Arbeit Frauen Sicherheit?
    Vortrag und Diskussion
    Gerlinde Mauerer, Sozialwissenschafterin

    François Ewald beschreibt in "Der Vorsorgestaat" (1993) den Beginn der Versicherungsgesellschaft im Zuge der Industrialisierung: zunächst galt es, unvermeidliche Unfälle zu vergelten. Krankheit (Krankenversicherung), Alter (Pensionsversicherung) und Tod ("Lebensversicherung" - begrifflich eine "Ironie des Schicksals"?) sind heute zu versichern. Die Kategorie Geschlecht zeigt sich deutlich: Frauen bringen durch Arbeit einen Mehrwert ein, der oftmals jenseits von Versicherungsverhältnissen liegt: durch unbezahlte Pflegearbeit, schlecht dotierte und prekäre Arbeitsverhältnisse, Patchwork-Arbeiten ohne Absicherung u.v.a.m. Ergebnisse einer Daten- und Kostenrecherche zum Thema Frauen, ihren Leistungen und Versicherungsleistungen werden im Vortrag präsentiert und zur Diskussion gestellt.
    Moderation: Andrea Strutzmann

  • 4.6., 12 Uhr: Der Teufel im Detail:Unzeitgemäße Betrachtungen
    Lesung und Vortrag und Diskussion
    Christa Nebenführ, Philosophin, Schriftstellerin

    Die Vereinbarkeitshindernisse von privater Reproduktionsarbeit und Lohnarbeit nur als Auswirkungen patriarchaler Machterhaltungsstrategien zu postulieren, negiert konkrete Erfahrungen und tabuisiert intrageschlechtliche Dominanzstrategien. Und es verschleiert den Blick für die verschärfte Entfremdung von Proletarierinnen, wenn der Zwang zur Fabriksarbeit und die Freiheit zur qualifizierten Karriere unter dem Begriff Gleichberechtigung subsummiert werden. Die Bourgeoisie hat längst erkannt wie leicht sich pseudo-feministische Argumente instrumentalisieren lassen und die Linke scheint die Aufklärung darüber zu vermeiden, um bewährte Parolen nicht zu gefährden. Oder verkürzt: Federn Kindergeld und Dienstleistungsscheck die brutalsten Auswirkungen einer weiblichen Lebensrealität ab oder verfestigen sie diese? Unzeitgemäße Betrachtungen zu Ideologie und Praxis von Vereinbarkeitskonzepten.
    Moderation: Edith Futscher

  • 4.6., 15.00 - 17.00 Uhr: lat. precari "bitten; betteln" (urverwandt mit dt. fragen)
    Workshop
    Cristina Boidi (LEFÖ), Meltem Wailand (Orient Express), Jale Akcil und Birge Krondorfer (Frauenhetz)

    Die unter- und unbewertete Arbeit von Frauen ist heute für die fortgeschrittene Frau (doch wohin schreitet sie?) nur scheinbar aufgehoben: für sie selbst, wo auch gerade sie steht, und - das ist das neue (alte) - für die so genannte andere, die subordinierte Frau, die Migrantin, die, weil sonst für sie nichts übrig ist, die 'Drecksarbeit' zum Überleben macht. Dies rekonstituiert nicht nur ein 'neokoloniales Substrat des neuen Europa' (aus: Haushalt Caretaking, GrenzenŠ Rechte von Migrantinnen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie), sondern produziert auch die eine und die andere Frau (diesmal im Negativ). Und er - ja er hat somit zwei und auch drei Frauen (je nach Sexarbeitsbeanspruchung) - und dies im monogamen Abendland! Viele Fragen wider das Betteln.

  • 4.6., 18.30: Mitten drin und ganz daneben. Feministische Kritik am Neoliberalismus.
    Vortrag und Diskussion
    Frigga Haug, Soziologin, Mithg. der Zeitschrift Argument

    Auch wir sind Produkte dieses neoliberalen Kapitalismus, können individualistisch im negativen Sinn sein: konkurrierend, kleinlich, neidisch. Und wie hängt dies damit zusammen, dass nach wie vor jeder Bereich, ob Politik, Moral, Arbeitsteilung, Gesetzgebung, Sexualität, Kultur, Sprache einer patriarchalen Allgegenwart einverleibt ist? Die Geschichte zeigt aber auch, dass wir uns durch keine noch so hegemoniale Lage in die Defensive treiben lassen dürfen. Auch wenn diese kapitalistische Dynamik schneller zu sein scheint als unsere gemeinsamen Strategien und unser Nachdenken über Alternativen - um so mehr ist Geistesgegenwart gefragt - für die eigenen Widersprüche und die ökonomische und mediale Vermarktung unserer Emanzipationshoffnungen. Der Protest gegen den globalen Privatisierungsprozess darf nicht den Blick auf die Utopie einer feministischen Internationale vernebeln.
    Moderation: Birge Krondorfer

  • 5.6., 10.30: Frühstück - 11.00 Uhr: Das Arbeitsmannequin. Von der Produktion zum Dienst
    Vortrag und Diskussion
    Gerburg Treusch-Dieter, Soziologin

    Wie könnte das Verhältnis von Geschlechterdifferenz und Arbeit heute beschrieben werden? Müssen wir uns als simulierende Arbeitsmännchen - flexibel und mobil, informiert und interagierend jenseits von Produktion und auch Reproduktion - betrachten? Und: Ist der Preis für Arbeit noch zu bezahlen? Gerburg Treusch-Dieter zeichnet die Verwandlung von Arbeit, einst verflucht und mythisiert, in Dienst nach, in eine Unterwerfung unter jedwede Arbeit, die selbst Ware geworden ist. Ausgehend von der Beobachtung, dass gegenwärtig Arbeit durch das Fehlen von Arbeit entsteht und dass Bildung wie Beratung somit auch als Anleihen auf (Leih)Arbeit zu erstehen sind, wird die Entwicklung des westlichen Arbeitsbegriffs befragt. Moderation: Andrea Strutzmann (red)
  • Link
    Frauenhetz
    feministische Bildung, Kultur & Politik
    Untere Weißgerberstr. 41, 1030 Wien
    fon/fax: 01/7159888
    E-Mail

    Anmeldung für Workshops und Kinderbetreuung bis 25.5. erbeten!

    Unkostenbeiträge:
    Einzel-Vortrag/Lesung: Euro 3
    Einzel-Workshop: Euro 5
    Pauschale Euro 15

    Die Frauenhetz ist seit Jänner 2004 auch für Rollifahrerinnen bequemer zugänglich.

    Es gibt kostenlose Kinderbetreuung im Montessori-Kinderhaus vis à vis (Hetzgasse 45).
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      screenshot frauenhetz
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