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19. Mai 2005, 16:59
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Wellenreiten in der Bronx, ein Meisterwerk der Systemüberlastung: das Album "Demon Days" der Gorillaz

Britpop-Star Damon Albarn (Blur) und seine Comicshelden Gorillaz gehen im Verein mit HipHop-DJ Danger Mouse Wellenreiten in der Bronx. Ein Meisterwerk der System- überlastung.


Von all dem hübschen Brimborium, das 2001 das selbstbetitelte Debütalbum der Comics-Band Gorillaz auslöste, einmal ganz abgesehen. Die Gorillaz, ein wahrgewordener Traum für MTV. Immerhin taten sich damals der von den Britpop-Stars Blur bekannte Sänger Damon Albarn, der durch seinen weltweiten Erfolg mit Tank Girl ausgezeichnete australische Zeichner Jamie Hewlett und der US-HipHop-Produzent Dan The Automator sowie Miho Hatori von der Alternative-Rock-Kapelle Cibo Matto zusammen, um als lustig-sinistre 2D-Charaktere mit bunten Bildern für Furore zu sorgen. Man erinnere sich nur an die wunderbare Single Clint Eastwood!

Die auf diesem Debüt erfolgreiche Mischung aus solidem Songwriting und ultramodernen Dance-Beats, irgendwo in der Mitte zwischen gut abgehangenem Hiphop und Reggae und entspannten Liedern, die man mit akustischer Gitarre nachspielen konnte, sorgte trotz ihrer hybridhaften Gestaltung dennoch für Aufsehen in einem Genre, das damals vom Grundgedanken des Pop auch als futuristische Feldforschung etwas Abstand genommen hatte. Immerhin "regierten" damals in der noch immer als Trendbarometer gewerteten britischen Szene harte Gitarren von unterernährten Keith-Richards-Imitatoren: The Strokes, The Datsuns, Les Schon Vergessen . . .

In wenigen Konzerten, während derer die vier Protagonisten live recht statisch hinter einer an der Bühnenrampe aufgezogenen Leinwand agierten, auf die die Filme der Gorillaz projiziert wurden, wurde allerdings auch sehr schnell klar, dass es sich hier um ein Unternehmen handelt, das ausschließlich im Videoclip-Format funktioniert. Dieses Dilemma lässt sich auch jetzt mit dem neuen Album Demon Days nicht befriedigend lösen. Dass Dan The Automator als Hauptverantwortlicher mittlerweile durch den schreiend angesagten britischen HipHop-Anarchisten DJ Danger Mouse ersetzt wurde, ändert nichts daran, dass dieses Projekt kommerziell gesehen mit potenziellen Hits steht und fällt. Und die muss man auf Demon Days mitunter recht verzweifelt suchen.

Aber Vorsicht: musikalisch klingt das mit Gästen wie De La Soul, Rock'n'Roll-Mitbegründer Ike Turner, Rave-Legende Shaun Ryder von den Happy Mondays und Dennis Hopper tatsächlich an vorderster innovatorischer Front stehend. Bloß, DJ Danger Mouse setzt nach seinem 2004 illegal im Internet veröffentlichten Meisterwerk The Grey Album, auf dem er das Black Album des New Yorker HipHop-Moguls Jay-Z ausschließlich mit Samples des White Album der Beatles neu formulierte, auch mit den Gorillaz auf postmoderne Informationsüberlastung.

Die Beach Boys surfen in der Bronx und rauchen mit Bob Marley einen Joint. Den zündet man sich an jenem elektronischen Lagerfeuer an, das aus rückwärts gespielten Schubert-Streicherschlaufen gespeist wird, die aus dem zukünftigen Nachlass von James Last stammen, der 1968 mit den Swingle Singers ein Dub-Reggae-Album im Stile des jamaikanischen Irren Lee Scratch Perry einspielen wollte. Wenn dieser auch den Sunshine Reggae aus jener Schweizer Produktionswerkstätte namens Laid Back im Programm gehabt hätte, die in den 80er-Jahren ihr schreckliches Haupt erhoben, um zu beweisen, dass sich verzerrte Punkgitarren und Eierschneider-Handharfen nicht gegenseitig ausschließen. Dazu nuschelt Damon Albarn betrunken in den Telefonhörer. Klingt das verrückt? Ein Album des Jahres! Viel besser wird es heuer nicht werden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Gorillaz  Demon Days (EMI)
    grafik: emi

    Gorillaz
    Demon Days
    (EMI)

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