Chronologie des Hungerskandals

18. Mai 2005, 19:30
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Josef Nussbaumer: Hunger, Unwetter und Kannibalen - Chroniken Studienverlag, Innsbruck, 180 Seiten, 19,00 Euro

Weltweit betrachtet ist jeder zehnte, vielleicht sogar jeder fünfte Todesfall auf Hunger zurückzuführen", schreibt der Innsbrucker Wirtschaftswissenschafter Josef Nussbaumer, dessen zentrales Forschungsthema Katastrophen sind. 2003 hat Nussbaumer "Gewalt.Macht.Hunger" veröffentlicht, eine Materialiensammlung zu den Hungerkatastrophen seit 1845.

Der hier besprochene zweite Band ist als Chronik der weltweiten Hungersnöte der letzten 500 Jahre durchaus auch eigenständig verwendbar. Im Vorwort skizziert Nussbaumer ein bizarres Gleichgewicht in der Gegenwart: 1,2 Millionen Unterernährten stehen weltweit etwa gleich viele Übergewichtige gegenüber. Für das Überleben gibt die WHO einen Tagesbedarf von 2048 kcal als Minimum. In mindestens 25 der ärmsten Länder der Welt liegt der Pro-Kopf-Kalorienverbrauch darunter, wobei sich in der Mehrzahl dieser Länder in den letzten 30 Jahren die Situation verschlechtert hat, bei einigen um knapp 20 Prozent.

Nussbaumers Zahlen, seine Chronologie und knappe Analysen lassen keinen Zweifel daran, dass Hunger weder Schicksal ist, noch Naturkatastrophen zur Ursache hat, sondern ökonomische und politische bedingt sind. Ein eigener Abschnitt ist einer Kannibalismus-Chronologie gewidmet.

Trotz der Tabuisierung des Themas und der damit verbundenen lückenhaften Quellenlage bildet nicht Kannibalismus als pervers-kriminelle Tat den roten Faden, sondern Hungerkannibalismus in vielfältigen Ausformungen. Ein Beispiel: Im russischen Hungerwinter 1921/22 haben die Behörden in den von der Hungersnot betroffenen Gebieten ein Verkaufsverbot für verarbeitetes Fleisch erlassen, "um den Handel mit Menschenfleisch zu unterbinden". (DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2005)

Von Hannes Schlosser
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