Analyse: Iran und Irak geloben die Sicherung ihrer Grenze

20. Mai 2005, 19:12
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Später, historischer Schlussstrich unter den ersten Golfkrieg

Als "historisch" wird der Besuch des iranischen Außenministers in Bagdad bezeichnet: als später Schlussstrich unter den - vom international unterstützten Saddam Hussein begonnenen - Krieg (1980-88) mit einer Million Toten.

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Bagdad/Wien - Der iranische Außenminister Kamal Kharrazi brachte es bei seinem Besuch in Bagdad auf den Punkt: Die Situation im Irak wäre viel schlechter, wenn die iranische Führung die Infiltrationen von Extremisten unterstützen würde. Die Versprechungen, die Grenze in Hinkunft sichern zu wollen, zeigen aber, dass es sich um ein reales Problem handelt.

Die Frage nach dem iranischen Einfluss im neuen, mit schiitischer Dominanz regierten Irak ist momentan wieder etwas in den Hintergrund gedrängt durch den jüngsten dramatischen Anstieg des von sunnitischen Djihadisten und/ oder Baathisten ausgeübten Terrors. Extremisten gibt es aber auch auf schiitischer Seite, wo der radikale Muktada al-Sadr ein enormes Mobilisierungspotenzial hat - und zweifellos auf Unterstützung aus iranischen Hardlinerkreisen zählen kann (wobei er gleichzeitig als irakischer Nationalist auftritt). In den letzten Wochen ist die seit etwa einem Jahr sporadisch auftretende Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten beängstigend gewachsen, wobei bisher eher Schiiten Opfer waren, aber offensichtlich zunehmend zurückschlagen.

Aber auf der iranisch-irakischen Regierungsebene treffen Gemäßigte aufeinander - wobei Kharrazi einer Regierung angehört, die im Juni abgewählt wird. Der irakische Außenminister Hoshyar Zebari spricht Persisch und gehört, obwohl selbst kein Schiit, zur jetzt dominierenden Politikerkaste im Irak, die persönliche Beziehungen zum Iran haben: Auch er hat kurz dort gelebt.

Zebari war bereits Außenminister in der früheren, US-aufgestellten irakischen Regierung: Aber da gab es auch noch Regierungsmitglieder wie Verteidigungsminister Hazim al-Shaalan, der für seine antiiranischen Ausfälle bekannt war - in der jetzigen Regierung undenkbar. Manche US-Analysten meinen überhaupt, der Irak werde heute durch den Sciri (Supreme Council of Islamic Revolution in Iraq) und die Dawa-Partei und damit eigentlich durch Teheran regiert, eine Vereinfachung: aber unterschätzen sollte man das Gewicht Teherans auch nicht.

Das Verhältnis zwischen iranischen und irakischen Schiiten ist traditionell komplex und kompetitiv, wobei die urbanen Perser beziehungsweise die iranischen Nationalisten ganz gerne auf die arabischen "Eidechsenfresser" herabschauen. Auf beiden Seiten wird thematisiert, ob jemand jeweils im Irak oder im Iran geboren und somit "Ausländer" ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2005)

von Gudrun Harrer
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