Wonnemonat

19. Mai 2005, 19:07
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Es war und ist. Und war gestern auch schon so. Regen. Wind. Saukalt. Wäh...

Es war und ist. Und war gestern auch schon so. Regen. Wind. Saukalt. Wäh. Von wegen Wonnemonat. Irgendwie hatte ich mir das mit dem Frühling heuer anders vorgestellt. Aber sogar wenn wer gefragt hätte: In Wetterfragen gibt es keine Demokratie. Nicht einmal aufgeklärten Absolutismus. Das Wetter ist. Punkt.

Darüber zu jammern bringt nichts. Stimmt. Nur: Darüber nicht zu jammern genau so wenig. Jammern befreit. Und schlecht drauf sind eh immer nur die anderen.. Grantig sind nur echte Wiener – und bei Schlechtwetter ist jeder plötzlich stolz, eigentlich auch woanders her zu sein.

Volkszorn

Irgendwann ist dann einer schuld. Weil einer schuld sein muss. Heute war es zuerst der übrig gebliebene, schlafende Säufer hinten im Bus. Wäre ihm nicht das Erbrochene nicht im Bart gehangen, hätte ihn Aktentaschenmann, der sich da ansatz- und maßlos aufregte vielleicht wirklich selbst aus dem Bus bugsiert. So versuchte er nur, den Schläfer mit dem Schirm zu pieksen. Irgendwer hat sich da dann dazwischen gestellt. Ich setzte den Kopfhörer auf.

In der U-Bahn saß einer und stank. Nicht ein bisserl, sondern richtig. Nach Scheisse. So, wie am Tag davor die halbe Stadt immer wieder gerochen hatte. Jedes Mal, wenn der Wind wieder eine Welle Jaucheduft über der Stadt abgeworfen hatte, sah ich den Leuten zusehen, wie sie ihre Schuhsohlen auf Hundescheisse kontrollierten. Ich versuchte, das seltsam zu finden – bis mir auffiel, dass ich das genau so machte. Seltsam, beschloss ich, war der Reflex trotzdem.

Hundepfotencheck

Außerdem war da die Frau gewesen, die die Pfoten ihres Hundes auf Kackspuren untersucht hatte. Obwohl Hunde doch nie in Scheisse treten. Angeblich. Nach der Pfotenkontrolle ließ sie ihren Hund kacken. Mitten auf den Gehsteig. Vor die Schwingtür der U-Bahn-Station. Ich verkniff mir die auf der Hand liegende Frage. Es begann zu regnen. Mein iPod lag daheim.

Der in der U-Bahn stank nicht weil er die Felder rund um Wien begüllt hatte. Seine Hose hing knapp oberhalb der Knie und stand vor Dreck. Seinem eigenen. Zwischen seinen Füßen war ein Lacke. Er saß da in einer Vierergruppe und tat, als sei ihm alles egal. Vielleicht war es das ja auch. Mittlerweile. Mir wurde übel.

Die U-Bahn war nur halbvoll – trotzdem blieb ein Pärchen dem Vollgekoteten gegenüber sitzen. Mit ekelverzerrtem Gesicht. Die Frau war rund um die Nasenflügel bereits kalkweiß. Aber alle, die die Plätze wechselten wurden von ihr mit bösen Blicken bedacht. Ihre Miene war Schelte: man dürfe den Sandler durch einen Platzwechsel nicht stigmatisieren. Ich floh trotzdem ans andere Waggonende – und fühlte mich gar nicht schlecht. Eher besser. Aber nur, bis der Gestank mich eingeholt hatte.

Gegenlärm

Ich drehte den iPod laut – so als könne der Lärm meine Nase zupappen. Während ich an der nächsten Station den Waggon wechselte tauschte die Frau neben mir mit mir und den anderen Umsteigern verschwörerische Blicke aus. Ich nahm den Kopfhörer ab – es stank ja nicht mehr. Irgendwer sagte was. Von wegen Sauerei, Frechheit und Ins-Lager-Stecken. Die Frau fuhr ihm über den Mund: Ekel sei eine Sache, Verachtung eine andere. Der Ins-Lager-Mann versenkte den Kopf in der U-Bahn-Zeitung.

Ich setzte den Kopfhörer wieder auf. Dass die Musik zu laut war wusste ich auch ohne in die Gesichter meiner Nachbarn zu sehen. Aber die waren vorher ja sowieso schon schlecht drauf gewesen. Lauter Wiener. Draussen – oben – regnete es. Es war saukalt. Der Lärm konnte das Grau nicht bunt machen. Das mit dem Frühling hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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