Die Beckenbodenübungen der Revolution

18. Mai 2005, 18:11
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Ronald Pohls Rosa-Luxemburg-Drama "Die rote Rosa" an der Drachengasse uraufgeführt

Wien – Rosa Luxemburgs stapelweisen pazifistischen, antikapitalistischen Theorien, von Karl Liebknecht als Frontman brandrednerisch an ein müdes Volk verschenkt, fehlte die gebündelte Exekutivkraft. Ihrer papierenen Macht hielt eine sich verkappt formierende Geisterrepublik die Wirkungskraft von Freikorps entgegen. Im Hintergrund haben die real regierenden "Sozialisten" (Friedrich Ebert) aber bereits die Notlösung der Weimarer Republik erfunden.

So sitzt das Revolutionspersonal aus Ronald Pohls Die rote Rosa in Andrea Hüglis Uraufführungsinszenierung am Theater Drachengasse bereits im gepflegten Kampfesmut dort fest, wo es später ganz untergehen wird: am tiefen, steinigen Grund eines Flussbetts (wirkungsvolle Ausstattung: Nikolaus Granbacher), des Berliner Landwehrkanals, in den die Leiche Luxemburgs wie ein Ophelienopfer dargebracht worden sein wird.

Hier lehnen, stehen, straucheln sie, von der eigenen Geschichte jeden Moment überholt, und mahlen knirschend die Verse ihres eigenen Vergehen: Steffen Höld als wild schwingender Liebknecht-Einsager Leo Jogiches, der die butterweichen Jamben dieses kunstvollen Theaterlibrettos Pohls gegebenenfalls mit spitzen Fingern aus der Luft pickt und gestisch blank dreht; Horst Heiß (Liebknecht), dem sich Kraft der revolutionären Pflicht im Sprudel die Sentenzen lockern. Und: die junge Christine Franz als u.a. Zeitungsjunge sowie Thomas Hinrich als (späterer Reichspräsident) Ebert im vorauseilenden Stresemann-Look, der die Bisamratte, die er darstellt, sicherheitshalber gleich am Mantelkragen trägt.

Klug verarbeitetes Sprachmaterial, auch wenn die Inszenierung durch die halsbrecherische Lautstärke der revolutionären Brüller von der Idee ihres sportlichen Witzes dann einiges einbüßt. Petra Weimer fängt das jedoch gekonnt ab.

Sie ist Rosa Luxemburg, eine in den langen Kittel der stolpernden Revolutionärin gehüllte Denkerin, die auf der Treppe ihrer Visionen hoch hinauskommt, um in wunderschöner Haltung und Stimme (aus hinzugezogenen Gefängnisbriefen) zu berichten.

Die metaphysischen Bilder (einer über dem Wasserbeckenboden schwebenden Luxemburg) hat Regisseurin Hügli großzügig der bemerkenswerten Videokünstlerin Petra Zöpnik überlassen.

Und unmittelbar vor dem Aus der sozialistischen Einigungsbewegung guckt schon ein Triple-Hitler (drei Köpfe, drei Bärtchen) gierig herein ... An der gewiss hochauflösenden Kost möge das Theater sein Bewusstsein erfrischen!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2005)

Von
Margarete Affenzeller

Nachlese

'Leibarzt am Weimarer Republikskörper'

  • Weimer, Heiss, Franz, Höld, Hinrich
Link                drachengasse.at
    foto: drachengasse/ friess

    Weimer, Heiss, Franz, Höld, Hinrich

    Link

    drachengasse.at

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