Freiheit zur Selbstbeschränkung

18. Mai 2005, 17:42
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Der Wettbewerb von Cannes wartet mit kleinen Meisterwerken von Jim Jarmusch und den Brüdern Dardenne auf

Was allerdings nicht darüber hinwegtäuscht, dass Kino auch hier längst den Gesetzen der Verwertbarkeit unterliegt.


Es gibt Menschen, die müssen nur auf einer Couch auf dem Bauch, das Gesicht in ein Lederpolster versenkt, schlafen, und schon bricht ein tausendköpfiges Publikum mit Zwerchfellzuckungen lachend zusammen.

Der amerikanische Komödiant Bill Murray ist so ein Mensch. Er kann sich mit einem Strauß rosa Blumen vor die Tür einer Ex-Geliebten stellen, er kann ganz unvergleichlich schauen, wenn ihm ein Mädchen sagt, dass es "Lolita!" heißt – jede Geste kann bei ihm zur Pointe, kostbar verzögert, werden. Und trotzdem: Niemals "verrät" er den Charakter, den er da darstellt, zugunsten eines weiteren Lachers. Stets bleibt er Menschendarsteller, als solcher erzählt er vor allem Geschichten über Einsamkeit – und dafür braucht es oft nicht mehr als eine Ledercouch.

US-Regisseur Jim Jarmusch, ebenfalls ein Meister der Reduktion und bekennender Bill-Murray-Fan – er hat dem Schauspieler nun ein Geschenk gemacht, das da lautet: Minimum an Handlung (ein Mann besucht fünf Ex-Geliebte), kaum aufgelegte "Witze" (aber oft sind ja schon rosa Rosen ein Witz) und insgesamt jede Freiheit zur Selbstbeschränkung. Das Ganze nennt sich Broken Flowers, ist der federleichteste Film im Wettbewerb, wird vermutlich auch als zu leicht für eine "Goldene Palme" befunden werden – aber wenn Bill Murray nicht als bester Darsteller ausgezeichnet wird, dann ist, wir meinen es ernst, kurzfristig Schluss mit lustig!

Na ja, einen würdigen Konkurrenten für Murray gäbe es schon. Es ist der junge belgische Schauspieler Jérémie Renier. In L'enfant, dem jüngsten Film der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne, spielt er einen Taschendieb und Hehler, der aus der Tatsache, dass er trotz reichlich desolater Lebensverhältnisse Vater geworden ist, ziemlich ungerührt Kapital schlagen will. Er verhökert das Baby an Menschenhändler – und setzt damit einen Teufelskreis in Gang, für den Balzac und/oder Dostojewski Vorbilder gewesen sein könnten.

Schuld und Schulden

Wie schon in Rosetta, für den die belgischen Filmemacher 1999 die Goldene Palme erhielten oder zuletzt in Le fils, verfolgt und umkreist die Kamera in adäquater Unruhe die Such- und Fluchtbewegungen des Protagonisten. Jede neue Richtungsänderung bedeutet, dass unvorhergesehen neue Chancen und Katastrophen über ihn hereinbrechen. L'enfant wird so zu einer wahren Achterbahnfahrt, in der geradezu physisch spürbar wird, wie nahe das möglicherweise oft zusammenliegt: Schuld und Schulden.

Wobei die Gebrüder Dardenne klugerweise bevorzugt bei einer genauen Beobachtung von Lebenswelten bleiben, anstatt didaktisch zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wenn sie, wie gesagt, den Hauptpreis nicht schon einmal erhalten hätten, wären sie jetzt wohl absolute Favoriten für diese Auszeichnung. Andererseits: Jurypräsident Emir Kusturica wurde selbst zweimal prämiert, also spielt dieser Aspekt für ihn vielleicht keine so große Rolle.

Insgesamt ist der Wettbewerb der 58. Filmfestspiele auf hohem bis sehr hohem Niveau. Das lenkt aber nicht ab von der Tatsache, dass das Angebot insgesamt eher mager ist. In Nebenschienen wie der Semaine de la critique oder der Quinzaine des réalisateurs wird immer wieder geradezu bedrückend schlechte Ware geboten. Und besonders schwer fällt ins Gewicht, dass der "Markt" des Festivals, auf dem früher wirkliche Entdeckungen zu machen waren, mittlerweile ein ziemlich ödes Sortiment für Mainstream-TV-Programme darstellt.

Was wirklich gut ist, ist heutzutage quasi an den Rändern nicht mehr zu halten. Schon jetzt kann man sich etwa vorstellen, dass Broken Flowers bei Großverleihen, die ihn dann unter einem Star-Namen in Cineplex-Centern platzieren, eher ruiniert wird. Die Arthouse-Verleiher wiederum, für die er ideal wäre, und die den Film auch angemessen intim präsentieren könnten – sie wären nie und nimmer in der Lage, mit den großen Ketten mitzubieten.

So geht das mittlerweile bei fast allen "Big Names" – auch wenn sie ein Kino der kleinen differenzierten Details bevorzugen. Nicht selten landet so ein von Großverleihen angekaufter Film dann irgendwo einen (absehbaren) Flop, einfach, weil er nicht adäquat beworben oder präsentiert wurde. Und darüber hinaus hört man dann auch noch von Bergen von Filmen, die gar nicht mehr ins Kino gebracht werden, da ihnen die Supermarktbetreiber, die sie zuerst gekauft und ihren Preis ins Unerschwingliche hochlizitiert haben, keine "reale Chance auf Erfolg" einräumen.

Cannes in seinem immensen Reichtum an unverwechselbaren künstlerischen Handschriften und seinem zunehmenden Mangel an unterschiedlichsten Präsentationsmöglichkeiten – es ist in diesem Sinne einmal mehr ein hervorragender Spiegel des Kinos, der Gegenwart.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2005)

Claus Philipp aus Cannes
  • Jérémie Renier in "L'enfant"
    foto: image.net

    Jérémie Renier in "L'enfant"

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