Bakkalaureus, das unbekannte Wesen

19. Oktober 2005, 15:36
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Geringe Bekanntheit bei Personalverantwortlichen - Geringeres Tempo bei Umstellung - Widerstand einzelner Berufsgruppen

Wien - Fünf Jahre nach dem Start der ersten Bakkalaureat-Studien hat sich der neue akademische Grad in Österreich noch nicht voll durchgesetzt. Zwar stellen immer mehr Unis ihr Studienangebot auf das dem angloamerikanischen Raum nachempfundene dreigliedrige System Bakkalaureat-Magisterium-Doktorat um, das anfängliche Tempo hat aber nachgelassen. Beunruhigendste Nachricht: Laut einer Ende 2004 vorgestellten OGM-Umfrage haben erst 53 Prozent der Personalverantwortlichen von österreichischen Mittel- und Großunternehmen überhaupt schon einmal etwas von dem akademischen Grad "Bakkalaureus" gehört.

Ein genaueres Bild über das Bakkalaureat hätten vermutlich noch weniger, betonten die Studienautoren damals. Von jenen Personalverantwortlichen, die den neuen Abschluss kennen, meinten immerhin 57 Prozent, dass die Absolvierung dieses meist sechssemestrigen Kurzstudiums in Zukunft ausreichend sein wird.

Nachgelassener Schwung

Am Beginn des laufenden Studienjahrs gab es etwas mehr als 170 verschiedene Studienmöglichkeiten, um ein Bakkalaureat zu erreichen. Diesen standen noch 250 "alte" Diplomstudien (erster Abschluss Magister bzw. Diplom-Ingenieur, Anm.) gegenüber. Der Schwung hat allerdings nachgelassen: Starteten 2003/04 noch fast 80 neue Bakkalaureat-Studien, waren es heuer nur 14. An den Fachhochschulen waren zu Beginn des Studienjahrs 2004/05 etwa 30 Prozent der 136 Studiengänge auf das Bakkalaureat-Magister-System umgestellt.

Österreich ist damit bei der Umsetzung in der internationalen Entwicklung vorerst zurückgefallen. Während in Österreich die Universitäten die Entscheidung treffen, welche Studien sie als Diplomstudium führen und welche als Bakkalaureat, implementiert die Schweiz das dreigliederige Studiensystem flächendeckend, ebenso osteuropäische Länder wie Ungarn, Slowenien oder die Slowakei.

In mehrere Bakkalaureate aufgesplittet

In Österreich ist dagegen eine andere Tendenz zu bemerken: Die Unis wandeln ihre Diplomstudien nicht in ein Bakkalaureat- und anschließende Magister-Studien um, sondern splitten sie vielfach in mehrere Bakkalaureate auf. So kann man an der Uni Wien nicht mehr wie bisher einfach Informatik studieren, sondern muss sich zwischen fünf verschiedenen Informatik-Bakkalaureaten entscheiden. Auch die Uni Graz hat aus dem Diplomstudium Biologie gleich vier Bakkalaureat-Studien gemacht. Bildungsexperten sehen darin eine Tendenz zur Überspezialisierung, die für die Berufschancen der Absolventen problematisch werden könnte.

Es gibt aber auch Lichtblicke für "Bakk"-Befürworter: Die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien stellt ab 2006 ihr gesamtes Studienangebot auf das dreigliedrige System um, ebenso die Akademie der bildenden Künste. Gleichzeitig plant die WU eine Info-Offensive, um die Wirtschaft von der Vollwertigkeit des Bakkalaureats zu überzeugen.

Widerstand einzelner Berufsgruppen

Es gibt aber auch Widerstand einzelner Berufsgruppen: So hat etwa die Rechtsanwaltskammer bereits deponiert, keine Bakkalaurei zum Anwaltsberuf zuzulassen. Ähnliches dürfte auch bei den Ärzten zu erwarten sein - das Medizinstudium kann derzeit nicht einmal mit einem Magisterium abgeschlossen werden.

Auf dem Jobmarkt zeichnet sich auf Grund der noch geringen Anzahl an Bakkalaureats-Absolventen noch kein eindeutiges Bild ab: Im April waren nur 30 Bakkalaurei arbeitslos gemeldet - ein Jahr davor waren es zwölf gewesen. (APA)

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