Ältester "kompletter" Europäer: Der Mensch von Mladec

27. Mai 2005, 12:13
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Älteste komplett erhaltene Reste eines Homo sapiens in Europa: Datierung ergab Alter von 31.000 Jahren

Wien - Schädel-, Zahn- und Knochen-Funde in einer Höhle beim Dorf Mladec (deutscher Name: Lautsch, gelegen in Südmähren - Tschechien) gelten als die ältesten Komplettreste von Homo sapiens in Europa. Forschern der Universität Wien und des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) ist es nun gelungen, die bereits im 19. Jahrhundert entdeckten Überreste altersmäßig exakt zu bestimmen, sie sind durchwegs 31.000 Jahre alt. Die Untersuchungen wurden in der neuen Ausgabe der renommierten Wissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlicht.

Großer Fund

Die Mladec-Funde glückten Forschern der Akademie der Wissenschaften und des damaligen Naturhistorischen Hofmuseums (heute NHM) in den Jahren 1881 und 1882. Dabei fanden sie Überreste von mehreren Individuen von Homo sapiens gemeinsam mit archäologischen Artefakten. "Auf Grund dieser Artefakte konnten die Funde in die jüngere Altsteinzeit eingeordnet werden", berichtete Maria Teschler-Nicola vom NHM.

Die Mladec-Knochen gelten als ältester Komplettrest von Homo sapiens in Europa. Älter sind nur Funde aus Rumänien, allerdings sind diese laut Teschler-Nicola sehr dürftig. So liegen hauptsächlich Kieferfragmente vor, Teile etwa von Gliedmaßen gibt es nicht. Auch fehlen archäologische Beifunde.

Datierungsmethoden

Altersbestimmungen der im NHM gelagerten Knochen selbst brachten bisher keine zuverlässigen Befunde. So versuchten es die Forscher mit Zähnen und modernen Methoden der Radio-Carbon-Bestimmung, dieses Mal mit Erfolg. "In den Zähnen war genügend organisches Material vom Schmelz geschützt worden, so dass die Bestimmung funktionierte", so die Wissenschafterin. Durchgeführt wurde die Bestimmung am "Vienna Environmental Research Accelerator" (VERA) der Uni Wien.

Das einheitliche Alter der Reste war insofern überraschend, als die Mladec-Knochen von ihren anatomischen Merkmalen sowohl moderne als auch archaische, eher dem Neandertaler zugeordnete Züge aufweisen. Die Altersbestimmung der Wiener Wissenschafter findet weltweit Beachtung, da sie weitere Aufschlüsse über die Besiedelung Europas und Asiens von Afrika aus bringen könnte. Bis heute streiten Forscher vehement, es haben sich zwei große Lager gebildet.

Hypothesen-Streit

Die Vertreter der weiter verbreiteten "Out of Afrika"-Hypothese meinen, dass der moderne Mensch in Afrika entstanden ist und dann im Verlaufe der vergangenen 100.000 Jahre den Rest der Welt erobert hat. Dabei sollte er die bereits ansässigen Menschenpopulationen - etwa Peking- und Javamenschen in Asien oder Neandertaler in Europa - völlig verdrängt haben.

Anhänger der multiregionalen Theorie meinen dagegen, dass sich aus den Frühformen des Menschen auf allen Kontinenten der moderne Mensch gebildet hat. Es habe einen permanenten Austausch von Genen gegeben. Demnach tragen wir heute noch Gene des Neandertalers in uns.

Inwieweit die neuen Ergebnisse über die Mladec-Funde für die eine oder andere Theorie sprechen, möchte Teschler-Nicola noch nicht kommentieren. Tatsache ist jedoch, dass offenbar Menschen mit modernen und archaischen Zügen innerhalb kurzer Zeit am gleichen Ort lebten. An sich würde das mit der multiregionalen Theorie übereinstimmen. Ob es jedoch tatsächlich eine Vermischung der verschiedenen Typen gab, ist vorläufig nicht zu klären, da nicht einmal die rund 25 Schädel-, Zahn- und Knochenfunde einzelnen Individuen zugeordnet werden können.(APA)

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