Scheune voller Töne

24. Mai 2005, 20:38
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"Inntöne"-Festival mit Sam Rivers und Entdeckung Yaron Herman

Diersbach - Dass man improvisierte Musik auch in den ruralen Outbacks der Provinz vernehmen kann, wird Jahr für Jahr in Ulrichsberg, Nickeldorf oder Wiesen belegt. Doch selbst diese Nester muten gegenüber der Spielstätte des Inntöne-Festivals wie Metropolen an: Inmitten sanft gewellten Wald- und Wiesen-Grüns und leuchtender Raps-Felder sagen sich rund um den Buchmannhof am Rande des Innviertler Sauwalds, rund 15 Kilometer östlich von Schärding gelegen, tatsächlich Fuchs, Hase und Wildschwein "Gute Nacht", weil sie sonst so einsam wären.

Vor 20 Jahren hat Paul Zauner, als Labelbetreiber und Hobby-Posaunist eine kontroversielle, aber tatkräftige Figur der österreichischen Jazzszene, in dieser Region sein erstes Festival organisiert, seit 2002 kehrt er damit zu Pfingsten bei sich selbst ein. Die Scheune sieht sich zum (akustisch mehr als passablen) Konzertsaal umfunktioniert, und auch die alten Schweineställe werden geleert: Benötigt man doch die Räume, um den Besuchern regensicheres Speisen zu ermöglichen, die Schweine wiederum, damit es etwas zum Verspeisen gibt. So weit, so zünftig. Das Inntöne-Festival hat indessen mehr zu bieten als ein reizvoll agrikulturales Ambiente: Vor allem nämlich ein Programm, das immer wieder für Überraschungen gut ist. Anno 2005 bedeutete eine solche das Österreich-Debüt des israelischen Pianisten Yaron Herman.

Eigene Geschichten

Der 24-Jährige stampfte, stöhnte und umtanzte im Zuge seiner freien Rhapsodien wie eine Jarrett-Reinkarnation aus den 70ern den Flügel - und zeigte, dass er als Romantizist in hoch virtuosen, groß angelegten Steigerungen auch schon eigene Geschichten zu erzählen hat. Von ihm wird man zweifellos noch hören.

Während sich der dänische Gitarrist Hasse Poulsen als spannender Komponist einprägte und das Wiener Clemens-Salesny-Quintett mit dem wieder genesenen Bumi Fian mit kontrastreichen Eigenkompositionen konvenierte, bot ein anderer Newcomer, der venezolanische Bassist Juan Garcia Herreros mit seinem mit Greg Osby und Terri Lyne Carrington besetzten Quartett nicht mehr als eine formal ambitionslose Aneinanderreihung routinierter Soli. Was vielleicht auch mit der schon vorgerückten Stunde zu tun hatte.

Ja, auf dem Buchmannhof werden oft harte Anforderungen an die Kondition gestellt: Auf den Festival-Höhepunkt des von Sam Rivers, der 81-jährigen Free-Jazz-Legende, zusammengestellten Austrian Rivbea Orchestra musste man bis zwei Uhr Früh warten: Um dann mit raffinierten, harmonisch bis hin zu beißender Cluster-Dissonanz verdichteten Riffs, die sich mit kurzen Soli zu spannungsvollen Kollektiven verwoben, belohnt zu werden. Nicht nur damit hätten sich wohl auch andere Festivals gerne geschmückt. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 5. 2005)

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