"Staatsanwalts-Teams für große Prozesse"

21. Mai 2005, 19:05
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Oberstaatsanwältin Althuber im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie sind österreichweit die erste Frau an der Spitze einer Oberstaatsanwaltschaft. Eine besondere Ehre?
Ulrike Althuber: Ehre wäre zu viel gesagt. Aber es ist sicher ein gutes Gefühl zu wissen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem endlich auch Frauen innerhalb der Justiz für solche Tätigkeiten heranstehen.

STANDARD: Inwiefern wird die "Sicht einer Frau" in ihre künftige Tätigkeit mit einfließen?
Althuber: Es wird keine spezielle Frauen-Sicht geben. Ich komme im Gegensatz zu meinen Vorgängern direkt von der Basis und habe noch vor gut einer Woche meine letzte Anklage geschrieben. Ich weiß also um die Probleme der Staatsanwälte und dieses Wissen wird sicher meine Arbeit als Oberstaatsanwältin beeinflussen.

STANDARD: Wo liegen die speziellen Probleme?
Althuber: In Großverfahren ist ein Staatsanwalt einfach zu wenig, da müsste es zumindest einen zweiten geben. Die Verantwortung und sowohl die psychische als auch die physische Belastung sind bei Prozessen wie etwa nach der Kaprun-Katastrophe immens und eine klare Überforderung für nur einen Staatsanwalt.

STANDARD: Ist das nicht ein etwas frommer Wunsch, angesichts der Sparmaßnahmen?
Althuber: Wir müssen endlich aufhören, in der Strafjustiz fast ausschließlich an die Kosten zu denken und nur mit dem Rechenschieber zu arbeiten. Durch Staatsanwaltschaft-Teams, die im Bedarfsfall eingesetzt werden, könnte es zudem zu einer deutlichen Kostenreduktion kommen.

STANDARD: Inwiefern?
Althuber: Wenn zwei oder auch drei Staatsanwälte gemeinsam einen Prozess betreuen, verkürzt sich zum Beispiel die Verhandlungsdauer, man benötigt weniger Gutachten, man teilt sich die Zeit aufwändiger Akteneinsicht.

STANDARD: Jüngst wurde der Ruf nach mehr bedingten Entlassungen als Maßnahme gegen die überfüllten heimischen Haftanstalten wieder lauter. Wie stehen Sie dazu?
Althuber: Das ist eine sehr heikle Thematik und man muss jeden einzelnen Fall individuell ganz genau prüfen. Aber wir müssen uns auch damit abfinden, dass es eben Straftäter gibt, die nicht resozialisierbar sind.

STANDARD: Welche konkret?
Althuber: Schwierig wird es zum Beispiel bei geistig abnormen Rechtsbrechern. In diesem Bereich verschwimmen die strafrechtlichen und medizinischen Grenzen sehr oft. Und es gibt eben Täter, die unter ständiger Beobachtung bleiben müssen. Auch zum Schutz der Bevölkerung.

STANDARD: Staatsanwälte sind prinzipiell weisungsgebunden. Sollte sich daran etwas ändern?
Althuber: Ich bin seit 1979 Staatsanwältin und habe noch nie eine Weisung bekommen. Solche Maßnahmen werden ohnedies nur dann gesetzt, wenn dafür ein berechtigter Anlass besteht. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 18.05.2005)

ZUR PERSON:

Ulrike Althuber (54) ist seit 1979 Staatsanwältin. Zuvor war die in Wels geborene Juristin Richterin in Innsbruck und in Wien. Ihre Karriere bei der Anklagebehörde begann ebenfalls in Wien, ab Septem- ber 2000 leitetet sie die Staatsanwaltschaft Wels. Seit April ist Ulrike Althuber Lei- tende Oberstaatsanwältin der Oberstaatsanwaltschaft Linz.
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    foto: standard
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