AK-Moritz im STANDARD-Interview: "Frauen nur auf Familienebene abgeholt"

17. Mai 2005, 19:22
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Die Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien, über potemkinsche Frauenpolitik, desperate Hausfrauen und berufstätige Mütter

STANDARD: Welche Note würden Sie der schwarz-blau-orangen Frauenpolitik geben?

Ingrid Moritz: Ehrlich gesagt einen Fünfer. Es gibt keine Frauenpolitik, nur Familienpolitik.

STANDARD: Was wurde fälschlich als Frauenpolitik verkauft?

Moritz: Alle Maßnahmen der letzten Jahre wie Kinderbetreuungsgeld, Familienhospizkarenz, Elternteilzeit haben sich an Frauen in ihrer Rolle als Mütter gerichtet und sie nur auf der Ebene Familie abgeholt. Auch die Differenzierung bei der Pensionsreform in Frauen mit und ohne Kinder heißt, dass man nicht sieht, dass Frauen aufgrund ihres Frau-Seins und der potenziellen Mutterschaft schon benachteiligt werden. In diese Richtung wurde nichts getan.

STANDARD: Also eher Gründe für "desperate working wives" als für "desperate housewives"?

Moritz: Ich glaube, nur Hausfrau zu sein bedeutet sicher mehr Verzweiflungspotenzial. Alles, was ökonomische Abhängigkeit verstärkt, schafft zusätzlich Probleme. Solange es in der Beziehung passt, ist es kein Problem, aber in einer Krise wird das fatal. Da sind erwerbstätige Mütter doch in einer besseren Position.

STANDARD: Wie interpretieren Sie das Studienergebnis, dass Frauen bessere Optionen sehen, aber verschlechterte reale Lebensumstände beklagen?

Moritz: Das entspricht dem neoliberalen Trend, wo mit einer Sprache von Wahlmöglichkeiten und -freiheit gearbeitet wird. Es heißt dann, man könnte als Frau mit Kindern ja Karriere machen, oder man macht sie halt nicht. Man könnte ja eine Tagesmutter suchen, wenn man keinen Kindergartenplatz hat. Alles sei einem selbst überlassen, eine Frage des Verhandlungsgeschicks. Mit der Individualisierung und Privatisierung gesellschaftlicher Infrastruktur wird den Frauen vorgegaukelt, sie könnten über ihren beruflichen Erfolg selbst bestimmen.

STANDARD: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehen die Frauen immer schwieriger.

Moritz: Der Berufsausstieg von Frauen ist gefördert worden durch längere Berufsunterbrechungen, aber auch steuerliche Anreize beim Alleinverdienerabsetzbetrag. In Richtung partnerschaftliche Teilung ist gar nichts passiert. Da hat man geglaubt, das geht mit dem Kinderbetreuungsgeld so nebenbei. Aber das stimmt nicht. Es wird viel investiert in Geldleistungen, die den beruflichen Ausstieg unterstützen.

STANDARD: Würden Sachleistungen Frauen mehr helfen?

Moritz: Tendenziell ja. Länder, die Vereinbarkeitspolitik betreiben, investieren mehr in Infrastruktur und weniger in Geldleistungen. Infrastruktur nützen die, die erwerbstätig sein wollen oder müssen, stärker. Und die, die sie nicht brauchen, eben nicht. Damit kommt es Erwerbsorientierten stärker zugute. (DER STANDARD, Print, 18.5.2005)

Das Gespräch führte Lisa Nimmervoll
  • Ingrid Moritz
    foto: standadr/newald
    Ingrid Moritz
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