Desperater Blick auf Frauenpolitik

18. Mai 2005, 17:17
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Das WEF stellt Österreich bei der Chancengleichheit ein schlechtes Zeugnis aus - Die Betroffenen sind weniger pessimistisch, spüren aber kaum subjektive Verbesserungen

Lynette ist verzweifelt. Die frühere Karrierefrau hat ihren Bürojob für jenen als Mutter von vier Kindern aufgegeben und schwankt nun zwischen Langeweile und Hysterie. Getrieben durch tägliche Adrenalinschübe, die die schier unbändigbaren Kids auslösen. Als eine von vier "Desperate Housewives" der gleichnamigen US-Serie steht Lynette für einen Klischeetypus Frau, den viele weibliche Kolleginnen aus dem realen Leben eher gelassen beobachten.

Vorzeigefrauen

Aber auch sie haben mit spezifisch weiblichen Problemen zu kämpfen. Eine Studie von Karmasin Motivforschung für die überparteiliche Fraueninitiative "Klub für Frauen" zeigt: Vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird zunehmend als schlechter realisierbar empfunden. 260 Männer und 290 Frauen wurden befragt, inwieweit sich die Frauenpolitik in den vergangenen fünf Jahren verbessert oder verschlechtert hat - und laut Studienleiterin Sophie Karmasin sind es vor allem die Männer, die dabei ein überwiegend positives Bild zeichnen. "Offenbar wirkt da der Effekt, den die Spitzenpolitikerinnen allein durch ihre Präsenz haben", sagt Karmasin im Gespräch mit dem STANDARD.

Die Kluft zwischen den Chancen, die die Befragten der Geschlechtergerechtigkeit einräumen, und dem subjektiven Erleben der Frauen ist jedoch groß. Gerade bei den Themen "Situation am Arbeitsmarkt", "finanzielle Sicherheit" oder der Vereinbarkeitsfrage. Karmasin: "Hier nehmen Frauen eher eine Verschlechterung wahr. Sie erkennen aber gleichzeitig an, dass es grundsätzlich Chancen gibt, ,aber nicht unbedingt für mich'." Die Mitglieder des Klubs für Frauen drehen unter dem Titel "Desperate Housemen" den Spieß um. Bei einer Podiumsdiskussion fragt man, wie schwer es ist, ein frauen-und familienfreundliches Unternehmen zu sein.

Geht es nach einer aktuellen Studie des Weltwirtschaftsforums: sehr schwer. Österreich rangiert hier auf Platz 28 von 30 OECD-Staaten und 28 Schwellenländern. Vor allem bei der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen (also Frauenarbeitslosigkeit, Lohnniveau) erreicht Österreich den mageren 42. Rang. Auch im EU-Vergleich wird's nicht besser: Platz 21 von 24 Mitgliedstaaten. Das schlechte Abschneiden im Bildungsbereich wird vom Institut für Höhere Studien allerdings angezweifelt. Arbeitsmarkt-Expertin Angela Wroblewski verweist darauf, dass mittlerweile mehr Mädchen als Buben maturieren. Auch an den Universitäten hätten sie gleichgezogen. Zumindest unter den Studierenden. Bei den Uni-Professoren stehen immer noch rund 93 Prozent Männer sieben Prozent Frauen gegenüber. Die Ergebnisse der Karmasin-Studie zeigen bildungspolitisch einen positiven Trend: 47 Prozent der Befragten meinen, dass sich die Situation für Frauen in der Aus- und Weiterbildung in den letzten fünf Jahren verbessert hat. Aber, so die Studienleiterin: "Gefragt wurde nach der Veränderung. Eine Verbesserung kann es also auch von einem schlechten Niveau aus geben." Die Opposition fordert nach der WEF-Studie ein Sofortprogramm. Die grüne Frauensprecherin Brigid Weinzinger führt das schlechte Bewertungsergebnis auf ein "veraltetes Weltbild" der Regierenden zurück, SP-Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek ortet mangelndes Problembewusstsein.

Studienleiterin Sophie Karmasin will mangels "ernsthafter politischer Maßnahmen" auf Bewusstseinsbildung setzen. Auch an der mangelt es, wie Untersuchungen zeigen. (DER STANDARD, Print, 18.5.2005)

Von Karin Moser
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    Die Stars aus der US-Serie Desperate Housewives spenden einander Trost. Im realen Leben bereitet die Vereinbarkeit von Job und Familie Probleme.
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